Podcast: 1. PREIS [für mögliche, nicht messbare Qualitäten]
Folge 9 — Queer im Sport

„Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde Sport zu einem Hauptschauplatz für die Definition des biologischen und sozialen Geschlechts, an dem die Normen von Männlichkeit und Weiblichkeit produziert wurden. Welche gesellschaftlichen Vorstellungen haben wir davon? Wie prägen diese Normen den Sport?“ Ein Gespräch mit der Kulturwissenschaftlerin Helen Ahner und der Autorin Petra Sturm.

Länge:
11:41 min
Sprache:
Deutsch
Konzept und Realisierung:
Miriam Bajtala

Bios

Helen Ahner

Helen Ahner ist Kulturwissenschaftlerin und Alltagshistorikerin. Sie ist Assistenzprofessorin am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien mit einem Schwerpunkt auf materieller Kultur. Davor hat sie in Tübingen und Berlin studiert und geforscht. In ihrer Forschung befasst sie sich mit der kulturellen Verhandlung und Produktion von Körpern, Gefühlen, Erfahrungen und Dingen. Aktuell arbeitet sie an einer Kultur- und Geschlechtergeschichte des Ehrgeizes im Sport. Als Handballerin hat sie außerdem viel Zeit in Sporthallen verbracht und ganz unterschiedliche Erfahrungen mit dem Gewinnen, aber auch mit dem Verlieren gesammelt.

Lesestoff

Petra Sturm

Petra Sturm ist Autorin, Journalistin und Expertin für Frauensportgeschichte mit Fokus auf Radsport. Sie ist u. a. Mitherausgeberin von „Sport und Feminismus. Gesellschaftspolitische Geschlechterdebatten vom Fin de Siècle bis heute“ (Frankfurt/New York 2025) und „Warum feiern. Beiträge zu 100 Jahren Frauenwahlrecht“ (Wien 2018) sowie Autorin der Graphic Novel „Cenzi Flendrovsky. Eine Bicycle Novel“ (Wien 2023). Zahlreiche Arbeiten an der Schnittstelle von künstlerischer Forschung, Gesellschaft, Kommunikation & Vermittlung.

Lesestoff

Transkript

Miriam Bajtala (MB): Diese Podcast-Folge läuft unter dem Sammelbegriff „Queer im Sport“. Dazu habe ich einige interessante andere Podcasts gefunden und angehört. Hier versuche ich einige Aspekte zusammenzutragen, die in den Interviews mit Helen Ahner und Petra Sturm immer wieder Thema waren, beziehungsweise auch abzustecken, worum es in diesen Diskussionen eigentlich geht.
Petra Sturm ist eine der Herausgeber*innen des Buches Sport und Feminismus und Helen Ahner ist Kulturwissenschaftlerin und Assistenzprofessorin für Europäische Ethnologie an der Universität Wien. Beide kommen in dieser Podcast-Reihe auch zu Feminismus und Gefühlen im Sport zu Wort.
Liebe Petra, du schreibst in deinem Buch Sport und Feminismus, dass im Laufe des 20. Jahrhunderts Sport zu einem Hauptschauplatz für die Definition des biologischen und sozialen Geschlechts wurde, an dem die Normen von Männlichkeit und Weiblichkeit produziert wurden. Sport war/ ist stark mit der Reproduktion heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit verbunden, sagst du. Magst du mir diese Diskussion vorstellen, worum geht es da eigentlich?

Petra Sturm (PS): Diese Einteilung in Männer- und Frauensport ist eine historische, in der Form und mit den Leistungsgrenzen, wie sie im 19. Jahrhundert festgelegt wurden und es ist ganz schwer Vorurteile im Nachhinein zu verändern. Es geht dabei immer um den Vergleich, weil es immer in Männer- und Frauensport organisiert war, also binär. Und damit verbunden sind bestimmte Männlichkeits- und Weiblichkeitskonstruktionen und die Grundlage des modernen Sports beruht stark auf Männlichkeitsbildern.
Der Spitzensport, das merkt man an den aktuellen Transdiskussionen etc., bekommt immer Probleme, wenn man diese starke binäre Zweigeschlechtlichkeit infrage stellt. Und deswegen ist Sport auch heute eine der sichtbarsten Bühnen für die konfliktreiche gesellschaftspolitische Debatte rund um die Rechte von Trans- und Interpersonen. Sobald dieses starre binäre System infrage gestellt wird, wird es schwierig.

MB: Du meinst, wie die Thematik in den Medien dargestellt wird, ist schwierig?

PS: Genau, ja. Letztendlich geht es immer wieder darum, was ein Frauenkörper leisten kann und Vorstellungen oder Vorurteile reproduziert werden, wie ein Frauenkörper zu sein hat, was er zu leisten hat oder was er leisten kann. Und durch Trans- oder Interfrauen wird von außen dargestellt, als würde das immer wieder infrage gestellt werden. Aber man könnte es auch anders sehen und sagen, vielleicht könnte man mal auch dieses starre, binäre System infrage stellen, das so sehr auf diesen Unterschieden beharrt zwischen Männern und Frauen. Was wäre denn ein Benefit, wenn man das anders sieht? Das wäre für jede Sportart anders und es ist natürlich nicht einfach, diese Trennung zwischen Frauen- und Männersport nicht als gegeben zu nehmen. Ich glaube, das wäre sehr interessant.

MB: Du meinst sozusagen, andere Kategorien einzuführen?

PS: Andere Kategorien je nach Sportart, das ist keine einfache Frage, weil es für jede Sportart anders wäre. Diese Gefahr, die da proklamiert wird, Frauen wurde seit Anbeginn – das ist auch ein interessantes Rechercheergebnis – immer eine Vermännlichung unterstellt. Sobald eine Frau Sport getrieben hat, hat es geheißen, die hat jetzt Muskeln, die ist ja fast wie ein Mann. Es findet immer eine Bewertung über den Frauenkörper statt. Es ist ja nie umgekehrt, es betrifft ja nicht den Männersport, sondern es betrifft immer den Frauensport. Diese Trans- und Interdiskussionen haben wir nicht im Männersport, sondern es geht um den Frauenkörper, wie der zu sein hat, welche Grenzen er hat, was er kann und was er nicht kann. Dadurch werden Unterschiede reproduziert und bestätigt und fortgesetzt. Wobei es unterschiedliche feministische Wellen gibt, oder es gibt unterschiedliche feministische Ansätze: Manche sagen, sie möchten einen geschützten Raum, sie möchten nicht als Trans- oder Intersex-Sportlerin teilnehmen. Sie sehen das als Gefahr. Andere transfeministische Positionen sagen, solange männlich organisierte Vereine oder dominierte Vereine und Instanzen darüber entscheiden, kann es nicht richtig sein. Man muss schauen, wer entscheidet darüber und warum. Und welches Machtgefüge steht dahinter.

MB: Liebe Helen, magst auch du mir deine Perspektiven zu Queer im Sport vorstellen, beziehungsweise zu dieser Trennung in Männer- und Frauensport etwas erzählen?

Helen Ahner (HA): Die Art und Weise, wie über Sport geschrieben wurde und auch wird, ist einfach sehr oft binär strukturiert. Und es bedeutet, dass es gegliedert ist in zwei Kategorien von Menschen. Es gibt Damen und es gibt Herren. Und dann ist es oft noch verbunden mit Vorstellungen. Also man macht da nicht nur zwei Kategorien, obwohl es in der Welt noch mehr Kategorien gibt. Das wissen wir alle. Es gibt eben nicht nur Männer und Frauen. Es gibt ganz viele verschiedene Identitäten. Dieses Denken in zwei Kategorien ist schon mal für die beiden Kategorien an sich problematisch, weil es Kategorien fixiert, die es so nicht gibt und dann noch Behauptungen über diese Kategorien aufstellt. Und es ist problematisch für alle, die nicht in diese Kategorien passen oder sich diesen nicht zuordnen wollen. Und es sind gar nicht so wenige. Und es sind Menschen, die eben auch ganz toll im Sport sind und die da auch mitmachen wollen. Und für die wird es dann oft schwierig, einen Platz und einen Raum zu finden. Und die eignen sich seit Jahrzehnten, vielleicht sogar seit Jahrhunderten, Räume an und sagen, wir haben aber auch einen Platz im Sport. Und das wiederum wirkt dann darauf zurück und verändert manchmal auch dieses binäre Denken. Ganz besonders ist dieses binäre Denken im Sport eingeschrieben.
Ein gutes Beispiel dafür ist Sportunterricht in der Schule, der ja oft, im Gegensatz zum Matheunterricht, tatsächlich auch getrennt wird zwischen Buben und Mädchen. Aber natürlich, wenn man eine andere geschlechtliche Identität hat, fällt es oft sehr viel schwerer, einen Platz im Sport zu finden. Da gibt es inzwischen Sportverbände, die auch ihre Regeln ändern. Es gibt auch Sportarten, die einfach gar nicht mehr nach so binären Logiken funktionieren. Ein Beispiel dafür ist zum Beispiel Ultimate Frisbee, wo es Mixed-Gender-Teams gibt. Dann kommt es gar nicht mehr so drauf an.
Ein anderes Beispiel, das ich selber sehr gerne mag, ist Roller Derby, eine Sportart, wo auf Rollschuhen eine Mischung aus Fangen und Rugby eigentlich gespielt wird. Auch da gibt es Platz für alle möglichen geschlechtlichen Identitäten.
Ich habe eine tolle Kollegin, die heißt Corinna Schmechel, die hat sich queere Gyms angeguckt in Berlin und hat angeschaut, was da passiert, und die sagt, das ist so eine Mischung: Einmal, weil Sport oft so krasse Gender-Normierungsmomente hat, also es gibt Körperideale und es gibt Geschlechterideale, die kommen im Sport zusammen. Das heißt zum Beispiel, wenn ich eine Transperson bin, kann ich Sport auch nutzen, um mir einen Körper zu erschaffen, in dem ich mich wohler fühle und dann kann sich das sehr empowerend anfühlen. Oder ich kann es benutzen, um Körperideale zu sprengen und zu sagen, hier ist mein queerer Körper, der passt nicht hier rein und den mache ich mir, wie ich will, weil über Sport kann ich das. Also auch hier wieder so eine Möglichkeit der Selbstgestaltung, des Empowerments. Aber es gibt eben genauso die Möglichkeiten, dass ich durch die Konfrontation mit diesen Sportnormen mich noch schlechter fühle und noch unpassender. Und das ist das Spannungsfeld, das eigentlich im Zusammenhang mit Queerness und Sport total interessant ist. Da sieht man auch mal, wie Geschlecht, Gewinnen und Verlieren, und eben auch Sport an sich, total ko-konstitutiv sagt man wissenschaftlich, also sich gegenseitig in ihren Kategorien aufrechterhalten, obwohl man eigentlich auch ganz andere Kategorien finden könnte. Man könnte eigentlich auch, beim Boxen gibt es Gewichtsklassen … könnte man auch einfach machen, unabhängig vom Geschlecht. Das ist eigentlich auch etwas, was ich an meinem Fach total gerne mag, dass man da auf solche Ideen kommt und fragt, nicht einfach so hinnimmt, dass es diese Trennung gibt. Es könnte ja auch ganz anders sein. Wir könnten es auch ganz anders trennen oder vielleicht muss man es überhaupt nicht trennen, sondern kann es eher zusammenfügen. Aber dann funktioniert vielleicht diese Logik von Gewinn und Verlieren nicht mehr ganz so gut. Oder man muss eine andere Metrik dafür finden, eine andere Maßeinheit.

MB: Das wollte ich eh fragen. Welche Ordnungskriterien würdest du setzen? Beziehungsweise was würde es da an anderen Möglichkeiten geben?

HA: Ich habe da keine gute Antwort drauf. Ich kann nur so ein bisschen von meiner Erfahrung erzählen. Vielleicht erzähle ich nochmal von meiner Kollegin, die eben auch darüber berichtet hat, über Vereine, die probieren gemeinsam, zusammen, Sport zu machen. Und das funktioniert gut. Also Ultimate Frisbee funktioniert super. Das ist einfach. Da spielen Menschen aller Geschlechter zusammen Frisbee und da gibt es ein bisschen andere Regeln. Da wird auch Fairness groß geschrieben und es gibt noch Punktvergaben, die auch nochmal für die fairste Mannschaft oder so gehen. Also auch da, das entzieht sich nicht gänzlich dieser Logik von Gewinn und Verlieren und auch nicht der Messungslogik, aber es wird probiert, andere Kategorien zu installieren. Das ist eine Option. Ich denke einfach, dass man ein bisschen flexibler mit diesen Kategorien sein muss und vor allem flexibler für die Einzelfälle. Also für die Menschen, die halt vielleicht auf den ersten Blick nicht in eine Kategorie passen, dass man halt irgendwie da ein bisschen flexibler denkt und schaut, wie es hinhaut und sich eben gewahr wird, dass auch unsere Vorstellungen von Fairness total gemacht sind und wir können die auch verändern. Wir können verändern, was wir denken, das fair ist. … Leistung, Sport, das ist ja auch ein sehr großes Geschäft. Also da wird ja auch viel Geld damit verdient, dass es so strukturiert ist.
Auch da müsste man das ein bisschen ändern, aber auch die Idee, dass dann kein Wettkampf mehr möglich ist, die stimmt nicht. Man kann auf ganz verschiedene Arten wettkämpfen und ich habe da eigentlich auch ein bisschen Vertrauen in unsere Kreativität, dass uns da schon was einfällt. Ich bin zum Beispiel gerade im Unisport, im Handball. Das ist total die gemischte Gruppe. Das sind verschiedene Geschlechter, verschiedenes Alter, aber es funktioniert. Da kommen gute Spiele dabei raus. Die funktionieren dann vielleicht anders, wie ich das gewöhnt bin aus meinem Handballverein, aber ich habe trotzdem Spaß. Ich gewinne mal, ich verliere mal und es ist jetzt nicht total weltumstürzend, sondern es geht einfach.

MB: Ich finde, das ist ein schönes Beispiel und Schlusswort zu dieser Podcast-Folge. Liebe Helen, liebe Petra, ich danke euch für das Gespräch.

An dieser Stelle möchte ich noch auf die Ombudsstelle Fußball für alle hinweisen. Der österreichische Fußballbund und die Bundesliga haben damit ein Zeichen gesetzt gegen Diskriminierung mit homophobem Hintergrund im heimischen Fußball. Die Ombudsstelle dient als direkte Anlaufstelle für LGBTIQ-Personen im Fußball. Die Stelle ist auch sehr gut mit anderen Organisationen und NGOs vernetzt, um auch eine psychologische Weiterleitung oder Weiterbetreuung zu gewährleisten. Die Anlaufstelle ist unabhängig und eigenständig, jedoch mit einer Legitimation von ÖFB und Bundesliga ausgestattet, um bei Problemen bei Vereinen oder Verbänden vorstellig zu werden.