„Eine Initiative, die sich für Vielfalt und Antidiskriminierung im Sport einsetzt und konkret gegen Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Rechtsextremismus und Homophobie vorgeht. Sowohl Vereine als auch Einzelpersonen können sich an uns wenden.“ Ein Gespräch mit Nikola Staritz, Mitarbeiterin von Fairplay.
Podcast: 1. PREIS [für mögliche, nicht messbare Qualitäten]
Folge 8 — Fairplay im Sport
Bios
Nikola Staritz
Nikola Staritz betreut bei fairplay, einer Initiative für Antidiskriminierung im Sport, nationale und internationale Projekte zu Antidiskriminierung, Antihomophobie sowie Frauen & Mädchen im Sport mit Schwerpunkt Breitensport. Zudem forscht, publiziert und referiert sie zu Sportkultur und Geschlechterverhältnissen und arbeitet in verschiedenen sportpolitischen Gremien mit.
2017 gründete sie den Mädchenfußballverein ASK Erlaa Torpedo 03, heute einer der größten Mädchenvereine Wiens mit über 200 Spielerinnen, den sie bis heute leitet und wo sie als Fußballtrainerin tätig ist.
Seit 2020 ist sie Vorstandsmitglied der Ombudsstelle Fußball für alle und seit 2025 zuständig für den Wiener Mädchennachwuchs im Frauenausschuss des Wiener Fußballverbands.
Lesestoff
Transkript
Miriam Bajtala (MB): Liebe Nikola Staritz, du bist eine ehemalige Handball- und Fußballspielerin, aktive Fußballtrainerin, hast Politikwissenschaft studiert und arbeitest seit vielen Jahren bei Fairplay, wo du zuständig bist für den Bereich Antidiskriminierung. Seit 2020 bist du auch Vorstandsmitglied der Ombudsstelle Fußball für Alle. Magst du deinen Zugang zu Sport und die Fairplay-Initiative kurz vorstellen?
Nikola Staritz (NST): Also ich arbeite seit 14 Jahren bei der Fairplay-Initiative, die sich eben dafür einsetzt, einen Sport zu schaffen, der frei von Diskriminierung und vielfältig ist. Also wir beraten Vereine, Verbände in den Bereichen Vielfalt und Antidiskriminierung, im breitesten Sinne, machen Workshops im Nachwuchsbereich, Kampagnen, weil einfach die Teilhabe am Sport ein Menschenrecht ist. Und ich auch aus meiner eigenen Biografie weiß, wie wichtig es sein kann, auch für den eigenen Selbstwert, was für ein großartiges soziales Tool der Sport auch ist. Und umso wichtiger ist, dass wirklich alle Zugang haben, gleichberechtigt teilhaben können und niemand ausgeschlossen ist.
MB: Wie schaut jetzt die politische Arbeit von Fairplay aus? Kannst du mir ein bisschen zur Geschichte und zu eurem Aktionsradius etwas erzählen?
NST: Also Fairplay, das ist die Initiative für Vielfalt und Antidiskriminierung im Sport, wurde 1997 gegründet im Europäischen Jahr gegen Rassismus, was schon viel aussagt von der Anfangsmission. Über die Jahre sind bei Fairplay einfach die Themen breiter auch geworden, also nicht nur Rassismus, sondern Diskriminierung in seiner ganzen Vielfalt auch reinzunehmen, insbesondere Homophobie, Geschlechtergerechtigkeit sind ganz wichtige Themen auch im Sport, Antisemitismus, Rechtsextremismus, mittlerweile auch generell Extremismus, also menschenfeindliche Ideologien im Sport. Einerseits präventiv, idealerweise, einfach wie kann man eben einen Verein so gestalten, dass gewisse Dinge, Gewalttätigkeiten, Diskriminierungen gar nicht vorkommen oder möglichst verhindert werden. Durch Workshops, Schulungen, Bewusstseinsbildung, Sichtbarkeit, Kampagnenarbeit. Aber eben auch, wenn mal was passiert, was ja im Sport oft ist, also allein wenn man jetzt sieht, was so in Medien aufpoppt, dann sind schon sehr oft Fälle, Homophobie bei dem Verein, sexistisch krasser Vorfall da, Vergewaltigungsvorwürfe bei dem Sportler, Rassismus in europäischen Stadien, der wieder voll zurückkommt, sehr oft auch Rechtsextreme in Kampfsportgyms. Das ist ja etwas, was auch in Medien aufpoppt und aus dem heraus kann man ein bisschen ableiten, wie viel dann auch dieser Untergrund ist, der gar nicht sichtbar ist. Das sind immer nur die Spitzen des Eisbergs und da gibt es natürlich einen ganz großen Graubereich dahinter. Also wenn dann Dinge passieren, dass man die gemeinsam aufarbeitet. Also einerseits sie sichtbar machen, ist wahnsinnig wichtig, aber dann wirklich auch mit den Vereinen verbinden, die dann oft zum Handeln gezwungen sind. Okay, was tun wir jetzt, wie kann man verhindern, dass das wieder vorkommt, wie kann man den Verein besser wappnen, resilienter machen, dass so Dinge nicht passieren.
MB: Und welche Menschen kommen zu euch?
NST: Also zu mir kommen, das sind sowohl Vereine, die einfach von unserem Angebot hören und sagen, hey, wäre eigentlich cool mal so ein Gewaltpräventionsworkshop, weil wir fänden es gut im Verein zu sensibilisieren. Oder wir hatten vor zwei Jahren eine riesige Kooperation mit der Handballliga Austria, also alle Handballvereine, die da spielen und da haben wir wirklich mit allen Nachwuchsteams der Bundesligavereine Anti-Homophobie-Workshops gemacht. Das war präventiv angelegt, zum Beispiel. Der Geschäftsführer der Handballliga Austria hat gesagt, ja okay, er findet das wichtig und natürlich ist es ein Thema. Wer behauptet, unter 13- und 14-jährigen Burschen ist Sexismus und Homophobie kein Thema, hat einfach noch nie mit wem geredet.
MB: Wie lange dauert so ein Workshop?
NST: Ganz verschieden, also wir sehen es pragmatisch, dass die meisten Sportvereine maximal eine Trainingseinheit hergeben, die ist dann meistens eineinhalb Stunden. Wir machen aber auch sehr viele Workshops in Jugendeinrichtungen, außerschulische Jugendarbeit, die sind dann auch manchmal länger. Oder Schulungen mit den Vereinsfunktionären – eben generell Respekt im Verein, inklusive Vereinskultur, Sprache – sind da große Themen, oder Extremismusprävention, wo es dann eher Richtung Input geht, wo wir mehr erzählen und mal aufklären, „okay, was sind denn Ihre Aufgaben als Verein überhaupt? Was können Sie als Verein tun? Was passiert eigentlich, wenn ein Verein nichts tut gegen Diskriminierung, aber weiß, sie passiert?“. Es gibt ja schon auch so etwas wie eine Sorgfaltspflicht. Kinderschutz, ganz großes Thema, ist nicht unser Hauptthema, aber spielt da natürlich auch hinein, dass ich als Verein ja sehr wohl schon auch Verantwortung habe. Also insbesondere, wenn ich irgendwas mitkriege, dann muss ich ganz konkret handeln, wenn nicht, mache ich mich strafbar. Und ich glaube, dass viele Vereine einfach da ein bisschen überfordert sind. Und das ist auch so ein Ansatz von uns, ihnen diese Überforderung zu nehmen.
MB: Ja, finde ich wichtig. Und die Kampagnenarbeit bei Fairplay, wie schaut die aus?
NST: Das ist ja noch so eine Ebene, die uns sehr wichtig ist, weil der Sport hat einfach eine Strahlkraft. Sportstars sind Medienstars und da haben wir immer im Oktober unsere Fairplay-Aktionswochen, heuer im Fußball, Basketball, Eishockey und im Kampfsport. Und da sind wirklich alle Sportvereine aufgerufen, zu einem bestimmten Thema einen Monat lang Flagge zu zeigen.
Heuer geht es um das Thema Prävention von Gewalt an Frauen. Also das Slogan ist „Gewalt ist kein Spiel“. Und wir haben ein Kampagnenmaterial, jeder Verein kann das bestellen, kann dann Fotos machen, auf Social Media posten, sie können sich Transparente bestellen und dann in einem Stadion auflaufen, um da eine ganz klare Haltung als Sportverein zu zeigen, zu sagen, wir sagen nein, wir nehmen unsere gesellschaftliche Verantwortung ernst und schaffen so Bewusstsein, nicht nur bei uns im Verein, sondern auch über TV-Übertragungen, bei unseren Fans, einfach generell in die Sportcommunity hinaus.
MB: Es gibt quasi wirklich die Slogans und man kann sich an euch anlehnen und das dann weitertragen in die Vereine und in die Wettkämpfe.
NST: Genau, es ist wirklich so eine Mitmachkampagne, das Wichtigste ist auch, es kostet nichts, es ist wirklich kein Aufwand. Das machen auch, letztes Jahr haben 180 Vereine mitgemacht und ganz viele auch Breitensport in Niederösterreich im Waldviertel, können sich einfach Social Media Material runterladen, das dann einfach posten, mit ihrem Vereinslogo dazutun, bestellen sich das Material, schicken uns einen Videobeitrag, also ganz viel Verschiedenes und nicht alles davon ist sehr aufwendig.
Klar, manche Bundesliga-Vereine haben dann auch super eigene Videos gedreht, das ist natürlich toll, freuen wir uns, aber es haben natürlich auch nicht alle die gleichen Kapazitäten und ich weiß es selber, als Breitensportverein, ich hätte die Ressourcen nicht, aber so ein paar Fotos mit Spielerinnen machen und das posten und damit als Verein sich klar positionieren, das geht eigentlich immer und das ist uns auch wichtig, dass da jetzt nicht nur dann die Profisportvereine mitmachen, sondern wirklich auch jeder Breitensportverein, der sich involvieren kann. Es gibt in dieser Podcast-Reihe auch einen Podcast, der sich ganz dem Thema Queer im Sport widmet, gerne zum Nachhören. Kannst du aber auch hier an dieser Stelle ganz kurz erzählen, was Fairplay zu Transgender und Intergeschlechtlichkeit im Sport unternimmt? Wir haben eine Arbeitsgruppe zum Thema Geschlechtervielfalt, wo wir alle Verbände einladen, einfach mitzumachen, um einfach gemeinsam zu schauen, wo sind die Problemlagen, wo wir uns generell sehen als eine neutrale Plattform, wo Sportverbände, die sonst wenig miteinander zu tun haben, sich treffen können und auf Augenhöhe sich über gewisse Themen auszutauschen, um hier so ein bisschen ein Korrektiv zu dieser ganzen Hetzkampagnen, die gerade im Bereich Transgender und Intergeschlechtlichkeit im Sport medial wir verfolgen müssen, da zu versuchen, über so einen pragmatischen Weg auch zu komplizierten Themen, die gerade sehr hochgekocht werden im Sport, gemeinsam einen Dialog zu starten und auch mit Betroffenen selber zu sprechen und Selbstvertretungsorganisationen, um hier auch einfach ein Wissen aufzubauen zu einem Thema, über das gerade zum Beispiel alle eine Meinung haben, aber niemand eigentlich wirklich Bescheid weiß.
MB: Wie geht ihr ganz konkret mit Diskriminierungen, zum Beispiel mit homophobem Hintergrund vor? Magst du mir ein Beispiel nennen, damit ich mir das Vorgehen besser vorstellen kann?
NST: Ich meine, wir sind ja keine bestrafende Einrichtung, also wir haben ja keine juristische Macht. Also wenn wir jetzt die Information bekommen, dass beispielsweise bei einem Verein ein Spieler von einem anderen Spieler homophob diskriminiert wurde und das kommt uns zu Ohr, können wir jetzt, wir sind jetzt kein Bundesligasenat, der irgendwie eine Strafe über diesen Verein aussprechen kann, der Auflagen geben kann, was auch immer. Einerseits wäre das wünschenswert natürlich, man hätte da so ein Durchgriffsrecht. Andererseits auch nicht, weil wir denken halt Aufklärung und Bildung sind, wie mühselig auch immer sie sind und wie vermeintlich wenig effektvoll sie auch immer sein mögen, weil man halt ihre Effekte so schwer quantifizieren kann. Es ist einfach der einzige Weg, der bleibt. Bildungsmaßnahmen und Aufklärung als Strafe zu bekommen, ist noch selten ein sehr produktives Lernklima gewesen.
Aber wenn wir jetzt zum Beispiel erfahren, durch eine Meldung, wir haben so ein Meldesystem zum Beispiel, wenn es einen Vorfall gibt zwischen 15-jährigen Spielern bei einem Sportverein, dann nehmen wir Kontakt mit dem Verein auf und bitten den auf jeden Fall um Stellungnahme und würden dann versuchen und oft auch erfolgreich sagen, hey Leute, das geht nicht, da müsst ihr was tun, ihr habt so ein Problem, wir bieten euch an. Zum Beispiel können wir mal zu euch kommen und mit euren Trainer*innen oder einem Vorstand eine Schulung machen. Einfach so, was ist Homophobie, wie könnt ihr darauf reagieren, was könnt ihr als Verein vielleicht für Rahmenbedingungen setzen, dass das weniger passiert oder wenn es passiert, dass man weiß, wie man darauf reagieren kann, also wie kann man dann die Opfer auch schützen.
Wir machen auch Workshops mit den Jugendlichen, wir könnten da jetzt wirklich in das Team, zum Beispiel, reingehen und mit dem Team arbeiten, um den Vorfall irgendwie auch aufzuarbeiten und einfach Bewusstsein zu schaffen. Was wir nicht anbieten und nicht können, wir sind jetzt keine psychosoziale Betreuung, also wir können jetzt nicht Opferbetreuung oder sowas machen, da würden wir auf andere verweisen. Wir arbeiten mit Vereinen, wir arbeiten mit der Struktur und würden den Vorfall aufarbeiten. Und im Idealfall würden sie dem zustimmen, man würde eine Schulung mit dem Vorstand machen, eine multiplikatorische Schulung mit den Trainern, Trainerinnen, man würde einen Workshop mit dem betroffenen Nachwuchsteam machen. Viele Ängste entstehen ja auch durch pures Nichtwissen, wenn man Menschen trifft, kommt man dahin, das sind eigentlich auch Menschen und auf einmal sind schon Vorurteile abgebaut oder wir machen bei einer Kampagne mit.
MB: Kostet das was?
NST: Nein, also für Sportvereine und Sportorganisationen können wir das bis zu einem gewissen Grad kostenlos anbieten. Wenn aber ein Sportverein kommt und sagt, wir wollen für unsere 50 Nachwuchsteams sowas haben, das können wir dann nicht abdecken. Also wir sind ja vom Sportministerium gefördert, um genau solche Sachen zu machen und da haben wir ein gewisses Kontingent pro Jahr, aber diese Beratungen und Schulungen und Workshops mit uns für die Vereine im organisierten Sport sind Teil unserer Servicestelle, die wir einfach anbieten in dem Bereich.
MB: Wie ist das Prozedere, wenn ich zu euch komme? Wie und wer wendet sich an euch? Wie geht ihr da vor?
NST: Also die Betroffenen selber können sich an uns wenden, auch wenn du Zeuge, Zeugin wirst, kann man sich an uns wenden. Wir würden dann mit dem betreffenden Verein Kontakt aufnehmen, beziehungsweise, im Fußball passiert es oft, dass es auch bei Matches vorkommt, wo dann zwei Vereine beteiligt sind. Da würden wir mit beiden Vereinen Kontakt aufnehmen und zuerst auch mal so eine Art von Sachverhaltsdarstellung, was ist dort passiert, mit dem Ziel, dass dadurch Bewusstsein geschaffen wird und wir dann mit Workshops, Schulungen gemeinsam daran arbeiten.
MB: Magst du uns hier auch noch ganz kurz andere Arbeitsbereiche von Fairplay vorstellen?
NST: Wir haben eben auch noch einen Arbeitsbereich Sport und Menschenrechte, da geht es eher um das Thema globale Gerechtigkeit, insbesondere rund um Sportgroßereignisse, also welche Effekte im Bereich Menschenrechte hat zum Beispiel eine Fußball-WM in Katar, sich anzuschauen, okay, wie schaut es da mit Arbeitsrechten aus, wie schaut es da mit sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit aus, da Bewusstseinsbildung zu machen, auch in den Sportvereinen und vor allem in Sportverbänden, weil das sind oft Themen, die eher auf Sportverbandsebene liegen. Also wenn zum Beispiel in Österreich eine Handball-EM ausgerichtet wird, wie kann man schauen, dass die möglichst nachhaltig ist, in jeder Hinsicht sozial und ökologisch.
Ein anderer Themenbereich, den wir auch haben, eine spezielle Beratungsstelle für Extremismus, weil das zwar viel zu tun hat mit den Themen, die ich schon geschildert habe, aber doch nochmal so ein bisschen eine andere Dynamik hat und hier mit Schwerpunkt wirklich auf Kampfsport und Fußball.
MB: Lieber Niki, danke vielmals für die tollen Erörterungen zu FAIRPLAY. Ich habe dich ja auch in eine andere Funktion hier eingeladen, nämlich sprichst du über dein Trainerinnenwissen als Breitensporttrainerin, also falls wer von euch interessiert ist, hört euch das an. Und hier an dieser Stelle sei noch die Webadresse von FAIRPLAY erwähnt, und zwar www.fairplay.or.at.