Podcast: 1. PREIS [für mögliche, nicht messbare Qualitäten]
Folge 7 — Feminismus und Sport

„Was hat Sport mit Feminismus zu tun? Welche Geschlechternormen prägen unser Verständnis von Leistung? Warum wird so oft zwischen Frauen- und Männersport unterschieden, und welche Alternativen gibt es dazu?“ Ein Gespräch mit der Autorin und Radhistorikerin Petra Sturm sowie der Kulturwissenschaftlerin Helen Ahner.

Länge:
14:32 min
Sprache:
Deutsch
Konzept und Realisierung:
Miriam Bajtala

Bios

Petra Sturm

Petra Sturm ist Autorin, Journalistin und Expertin für Frauensportgeschichte mit Fokus auf Radsport. Sie ist u. a. Mitherausgeberin von „Sport und Feminismus. Gesellschaftspolitische Geschlechterdebatten vom Fin de Siècle bis heute“ (Frankfurt/New York 2025) und „Warum feiern. Beiträge zu 100 Jahren Frauenwahlrecht“ (Wien 2018) sowie Autorin der Graphic Novel „Cenzi Flendrovsky. Eine Bicycle Novel“ (Wien 2023). Zahlreiche Arbeiten an der Schnittstelle von künstlerischer Forschung, Gesellschaft, Kommunikation & Vermittlung.

Lesestoff

Helen Ahner

Helen Ahner ist Kulturwissenschaftlerin und Alltagshistorikerin. Sie ist Assistenzprofessorin am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien mit einem Schwerpunkt auf materieller Kultur. Davor hat sie in Tübingen und Berlin studiert und geforscht. In ihrer Forschung befasst sie sich mit der kulturellen Verhandlung und Produktion von Körpern, Gefühlen, Erfahrungen und Dingen. Aktuell arbeitet sie an einer Kultur- und Geschlechtergeschichte des Ehrgeizes im Sport. Als Handballerin hat sie außerdem viel Zeit in Sporthallen verbracht und ganz unterschiedliche Erfahrungen mit dem Gewinnen, aber auch mit dem Verlieren gesammelt.

Lesestoff

Transkript

Miriam Bajtala (MB): Diese Podcast-Folge läuft unter den Sammelbegriffen Sport und Feminismus. Das ist, wie ihr euch vorstellen könnt, ein riesiges Feld mit hunderten Aspekten und unterschiedlichen Zugängen. Bevor wir uns mit Petra Sturm in diese Thematik hineinbegeben, eine anregende Einleitung von Helen Ahner zu der Frage, was hat Sport eigentlich mit Feminismus zu tun?

Helen Ahner (HA): Wenn wir über Sport sprechen, sprechen wir ja oft über Damen-versus-Herren-Sport. Und es bedeutet, dass es gegliedert ist in zwei Kategorien von Menschen. Es gibt Damen und es gibt Herren. Und dann ist es oft noch verbunden mit Vorstellungen. Also ganz lang, zum Beispiel, waren Damenfußbälle kleiner als Herrenfußbälle. Also man macht da nicht nur zwei Kategorien, obwohl es in der Welt noch mehr Kategorien gibt, sondern dann setzt man auch noch verallgemeinernde Ideen über diese Kategorien in die Welt und macht die dann noch materiell. Also das sieht man zum Beispiel an Sportgeräten, an Spielformen. Also auch die Fußballspiele für Frauen sollten kürzer sein, weil man die Idee hatte, Frauenkörper könnten nicht so lange und so weiter und so fort. Und da diese Binarität, das bedeutet, dieses Denken in zwei Kategorien, ist schon mal für beide Kategorien an sich problematisch, weil es Kategorien fixiert, die es so nicht gibt und dann noch Behauptungen über diese Kategorien aufstellt. Und zweitens ist es problematisch für alle, die nicht in diese Kategorien passen oder sich diese nicht zuordnen wollen.
Schlechte Binarität im Sport heißt oft, man bildet zwei Gruppen, eben Männer und Frauen und legt für beide Gruppen andere Kategorien fest, was die leisten sollen, was gut ist, was schlecht ist. Wenn wir uns die Gruppe von Mädchen in unserem Umkreis angucken, dann können die alle was ganz anderes. Also es ist eigentlich schon eine ganz absurde Idee, bestimmte Leistungsmaßstäbe festzulegen und zu sagen, die sind dann gut, wenn sie 3,60 Meter springen. Aber dabei ist die eine 1,80 und die andere 1,60.
Diese Kategorien sind eigentlich in den meisten Wettkampfsporten immer nach Geschlecht geordnet. Man sieht schon, Geschlecht oder Geschlechtlichkeit spielt eine große Rolle für die Art und Weise, wie wir gelernt haben, Sport zu machen oder was Sport ist. Und deswegen hat das natürlich auch etwas mit Feminismus zu tun. Es gibt eben diese männlichen Normen und Ideen und Ideale, die so im Ursprung des Sportes liegen. Das waren eben die Ideale, wie wir uns vorstellen, dass man richtig Sport macht, nämlich aggressiv oder wütend.
Weil Sport eben auch in enger Verbindung mit anderen modernen Gesellschaftsstrukturen entstanden ist, eben sowas wie Kapitalismus, Wettbewerbsgesellschaft und damit eben auch Patriarchat, hat Sport sehr viel mit Feminismus zu tun. Denn Sport per se ist vielleicht erstmal nicht feministisch. Und deswegen gibt es eben auch noch was zu tun und was rauszufinden über die Rolle von Frauen, Nichtbinären-, Inter- und Transmenschen im Sport, also von all denjenigen, die so ein bisschen von der männlichen Norm abweichen. Einmal historisch rauszufinden, welchen Platz hatten die, welchen haben sie sich erstritten, welchen haben sie nicht bekommen und einmal auch gegenwärtig zu reflektieren, was von diesen Männlichkeitsidealen steckt eigentlich noch im heutigen Sport, was wollen wir vielleicht behalten, was vielleicht aber auch nicht.

MB: Soviel zur Einleitung von Helen Ahner. Ihr hört sie ausführlicher sprechen in den Folgen Ehrgeiz und Gefühle im Sport.
Und nun möchte ich gerne Petra Sturm vorstellen. Hallo Petra. Du bist Autorin, Journalistin und Radhistorikerin und forschst zu Frauen, Radfahren und Feminismus. Du bist Herausgeberin von Sport und Feminismus gemeinsam mit Georg Spitaler. Dieser einführende Band ist 2025 erschienen und liefert erstmals einen Überblick über historische Debatten und aktuelle Kontroversen rund um Sport und Geschlecht. Meine erste Frage an dich ist, wie hat deine Leidenschaft zu Sport begonnen und hängt das in irgendeiner Form mit Feminismus zusammen?

Petra Sturm (PS): Ich glaube meine Leidenschaft hat tatsächlich mit einem Ausschluss begonnen und mit den Nichtmöglichkeiten am Sport teilzunehmen als Kind oder als Mädchen. Bei uns im Ort, im Dorf war es üblich, dass die Burschen Fußball spielen oder draußen am Sportplatz sind und es war eben nicht möglich, dass Mädchen Fußball spielen, sondern Mädchen mussten zuschauen. Und ich habe mir gedacht, mir macht das Zuschauen eigentlich keinen Spaß. Ich will nicht nur passiv sein, sondern ich will auch aktiv sein. Damals, also bei uns in den 80er, 90er Jahren im Dorf gab es wenig Möglichkeiten für Mädchen am Sport teilzuhaben. Und wie kann ich dann meinen eigenen Bewegungsradius ausweiten? Und eine Möglichkeit war das Fahrrad – weil das Fahrrad ist nicht nur ein Sportgerät, es ist auch ein Fortbewegungsmittel, das man im Alltag nützt. Und da habe ich dann gemerkt, dass man damit weite Distanzen nur aus eigener Muskelkraft zurücklegen kann. Und das hat meinen eigenen Aktionsradius extrem erweitert. Ich konnte dann ins Nachbardorf fahren. Und dann habe ich gemerkt, okay, das ist eigentlich schön. Das schenkt einem Flow, schenkt einem Selbstvertrauen und erweitert die Möglichkeiten. Dann habe ich gemerkt, ich möchte mehr Sportarten ausprobieren.
Bei mir ist gar nicht so der Leistungsgedanke im Vordergrund gestanden, sondern eher das Ausprobieren, teilhaben können, die eigenen Grenzen erweitern, sich stärken, Gemeinschaft mit anderen erleben. Fachlich ist es dann so, dass ich Geschichte und Publizistik studiert und dass ich dann immer wieder über Fahrradfahren geschrieben habe und dann draufgekommen bin, okay, auch hier ist es so, dass halt die männliche Norm sehr erforscht ist und dass es halt sehr schön ist, wenn man dann draufkommt, okay, es gab eigentlich immer diese Sportlerinnen, nur sie wurden nicht gesehen, weil das System halt das nicht zugelassen hat.

MB: Magst du mir zu den Verbindungen von Feminismus und Sport historisch und jetzt etwas erzählen?

PS: Heute könnte man sogar sagen, dass Sport eines der sichtbarsten Felder feministischer Interventionen ist, wo Unterschiede oder geschlechterpolitische Debatten öffentlichkeitswirksam diskutiert werden. Das sieht man ja immer wieder bei Diskussionen rund um Olympia oder Weltmeisterschaften und viele Kämpfe, die Frauen aktuell ausfechten, werden auch im Sport geführt, also Kämpfe um Gleichheit, gleicher Lohn, bessere Strukturen, mehr Trainingsmöglichkeiten, mediale Aufmerksamkeit.
Im Feminismus gibt es unterschiedliche Wellen oder auch unterschiedliche Ausrichtungen und die haben dann auch unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt, was ihnen wichtig ist. Ganz am Anfang, Frauen durften ja nicht einmal wählen, wir sind jetzt im 19. Jahrhundert, da ging es darum, dass man kämpft um Frauenwahlrecht, um Teilhabe am öffentlichen Leben und da ging es ganz grundsätzlich darum, auch ein Subjekt zu werden, also einfach in der Öffentlichkeit sichtbar zu sein, die gleichen Rechte zu haben. Und das Frauenwahlrecht war ein wichtiger Kampf und Sport wurde als Möglichkeit gesehen, den Körper zu befreien, zu kräftigen für kommende Aufgaben. Viele Feministinnen, die auch Frauenrechtlerinnen waren, haben dann zum Beispiel gesagt, mit Sport können wir uns für die Aufgaben der Arbeitswelt vorbereiten zum Beispiel. Viele Frauen durften nicht arbeiten oder haben darum gekämpft, dass sie auch gleichberechtigt arbeiten dürfen und dann haben sie gesagt, okay, wenn wir uns auch kräftigen, zum Beispiel, sind wir auch bereit für die Arbeitswelt. Nach 1919, wo dann Frauen das Wahlrecht hatten, also es war ein großer Schritt in Richtung Gleichberechtigung und viel mehr Frauen waren auch erwerbstätig, war dann Sport, zum Beispiel, ein Symbol für die neue Frau. Die neue, selbstbewusste Frau macht auch Sport. Das heißt, Sport hat irgendwie auch die Befreiung und Entfaltung der Frau beinhaltet.
Im feministischen Kampf um Gleichberechtigung und auch im Sport geht es um Selbstbestimmtheit und Teilhabe und es geht auch immer wieder um Fragen, organisiert man es selber oder anders oder verändert man die bestehenden Institutionen? Und vor allem, wie verändert es den Sport, wenn Frauen teilhaben?

MB: Ganz grundsätzlich gefragt, welche Unterschiede gibt es zwischen Männer- und Frauensport beziehungsweise warum werden diese Unterschiede gemacht?

PS: Der moderne Sport, Ende 19. Jahrhundert/ Anfang 20. Jahrhundert geht davon aus, dass ein Sportler eigentlich ein Mann ist. Deswegen wird auch bis heute diskutiert, ob Männer- oder Frauensport gleichwertig ist und über die Unterschiede diskutiert. Da geht es um Muskelkraft, um Ausdauer, Blutkörperchen, Hormone bis zum Gentest.
Wenn man das grundsätzlich hinterfragt, dann würde es auch ganz andere Leistungskategorien, Normierungen geben. Also Sport basiert stark auf einem binären, patriarchalen Geschlechtersystem.

MB: Wie wird über die Verbindung von Spitzensport und Feminismus diskutiert?

PS: Der Leistungsbegriff wurde von Feministinnen viel diskutiert und in Frage gestellt. Es wurde auch die Frage gestellt, gibt es einen feministischen Leistungsbegriff oder wie geht man mit Leistung um? Da geht es auch sehr viel um Macht- und Unterdrückungsmechanismen und wie kann man das anders machen und trotzdem die gewünschte körperliche Leistung erbringen und sich pushen. Sport ist seit jeher ein Ort für patriarchale Ordnungsrufe. Deswegen gab es auch immer wieder den Wunsch nach eigenen Strukturen, die per se nicht patriarchal geprägt sind, wo wesentliche Dinge anders angegangen werden … dass man selbstbestimmt, wie weit man gehen will, selbst an seine Leistungsgrenzen geht, dass man Burnout verhindert, dass es ein sicherer Raum ist, in dem Sport ausgeübt werden kann. Kein Missbrauch durch Trainer, dass Besonderheiten des weiblichen Körpers berücksichtigt werden, ohne als Hemmnis oder Hindernis dargestellt zu werden. Also im besten Sinn Förderung, so wie es Frau braucht oder sich wünscht, und nicht eine Bevormundung.

MB: Welche Sportarten sind aus deiner Sicht bis heute am stärksten von patriarchalen Strukturen durchzogen?

PS: Also prinzipiell kann man sagen, je älter eine Sportart ist, desto mehr ist es eine etablierte Männerdomäne. Also das hat auch historische Gründe. Je stärker eine Sportart mit Nationalidentität verbunden ist, desto stärker können sich patriarchale Strukturen halten. Dann Sportarten, die am stärksten mit Körper und Kontakt verbunden sind. Also Kontaktsportarten wie Boxen oder Sportarten, wo es um die Verlängerung des Körpers durch potente Maschinen geht, etwa Motorsport.

MB: Was fällt dann da nicht rein? Welche Sportarten sind am wenigsten in dieses duale Schema hineingezwängt?

PS: Jüngere Sportarten sind per se diverser. Roller Derby, aber auch Mountainbiken oder Snowboarden oder ganz klar Extremsportarten, die jünger sind und deswegen konnte sich von vornherein der Unterschied nicht so manifestieren.

MB: Was sind deine Erkenntnisse aus dem Buch Sport und Feminismus?

PS: Also wirklich frappant ist für mich die ungebrochene Aktualität von Themen und Kampffeldern. Und das offenbart wirklich, wie hartnäckig sich Vorurteile halten. Und das sind Vorurteile, die aus dem 19. Jahrhundert stammen, also Körperbilder und Vorstellungen, wie der Frauenkörper zu sein hat aus dem 19. Jahrhundert. Und das kriegt man wirklich schwer weg. Oder das Thema Menstruation ist immer noch ein Thema. Es hat sich sehr viel getan. Es wurde auch positiv aufgebrochen, aber es ist noch auf irgendeine Art und Weise Thema, ob Frauen genauso viel leisten wie Männer oder leisten können. Also diese ganzen Fragen um die biologischen Grenzen.
Auch die Frage um die richtige Kleidung bei der Sportausübung stellt sich seit Anbeginn. Also Frauen wurden lange gehindert am Sport, indem die Kleidung nicht als adäquat angesehen wurde. Und dann wurde die Kleidung sexualisiert. Vorher musste man darum kämpfen, dass man mit praktischer Sportkleidung, mit Hose oder Hosenrock Sport ausüben kann, weil der langer Rock oder das Korsett halt nicht praktisch war. Und dann, zum Beispiel Beachvolleyballerinnen, ging es auch darum, wie sexistisch Sportkleidung ist. Ist es jetzt gut, dass man mit einem Bikini Sport ausübt?
Dann hat man noch eine andere Dimension mit der Diskussion um den Hidschab. Bei all diesen Kleidungsfragen ist immer die Frage auch, wer die Regeln macht, oder wer sagt Frauen, was sie anzuziehen haben, oder mit welcher Kleidung sie Sport ausüben sollen.

MB: Ich möchte schon langsam zur letzten Frage kommen. Du weißt ja, ich mache eine Arbeit zu Ersten Preisen. Wenn du Preise vergeben könntest, die unabhängig von Leistung sind, was wäre da wichtig für dich anzuerkennen? Welche Qualitäten möchtest du gern würdigen?

PS: Na ja, Spaß, Freude, Teamfähigkeit, ausloten, Neugierde, probieren, vielleicht auch tatsächlich neue Regeln aufstellen dürfen, Regeln in Frage stellen, das gegenseitige coachen.

MB: Super, ja. Ich danke dir für das Gespräch, liebe Petra, und möchte deinen Abschlusssatz zitieren. Auf die Frage, welche Veränderungen du dir für Sport und Geschlechtergerechtigkeit in den nächsten Jahren wünschst, hast du folgendes gesagt: „Ich wünsche mir mehr Gleichheit, mehr Sichtbarkeit, mehr mediale Aufmerksamkeit, und dass eines Tages diese Fragen dann nicht mehr wichtig sind, sondern es einfach klar ist, dass jede Frau, jedes Mädchen Sport ausübt, ganz ohne Grenzen.“