Podcast: 1. PREIS [für mögliche, nicht messbare Qualitäten]
Folge 6 — Gefühle und Sport

„Sport ist zuallererst ein Weg, um intensive Gefühle zu erleben – von Nervosität, Anspannung und Aggressivität bis hin zu Erleichterung, Freude, Trauer oder Ärger. Sport ist etwas, das wir tun, um Gefühle zu erzeugen, und genau diese Gefühle machen es auch attraktiv, anderen dabei zuzusehen.“ Ein Gespräch mit der Kulturwissenschaftlerin Helen Ahner.

Länge:
14:24 min
Sprache:
Deutsch
Konzept und Realisierung:
Miriam Bajtala

Bios

Helen Ahner

Helen Ahner ist Kulturwissenschaftlerin und Alltagshistorikerin. Sie ist Assistenzprofessorin am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien mit einem Schwerpunkt auf materieller Kultur. Davor hat sie in Tübingen und Berlin studiert und geforscht. In ihrer Forschung befasst sie sich mit der kulturellen Verhandlung und Produktion von Körpern, Gefühlen, Erfahrungen und Dingen. Aktuell arbeitet sie an einer Kultur- und Geschlechtergeschichte des Ehrgeizes im Sport. Als Handballerin hat sie außerdem viel Zeit in Sporthallen verbracht und ganz unterschiedliche Erfahrungen mit dem Gewinnen, aber auch mit dem Verlieren gesammelt.

Lesestoff

Transkript

Miriam Bajtala (MB): Diese Podcast-Folge steht ganz unter dem Motto Sport und Gefühle. Wir hören gleich Helen Ahner. Sie ist Kulturwissenschaftlerin und Assistenzprofessorin am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien.
Liebe Helen, du forschst zu Gefühlen, Körpern, Dingen und Erfahrungen in historischer und gegenwärtiger Perspektive. Ich lasse das jetzt mal so stehen. Du schreibst, dass Gefühle keine Nebenprodukte von Sport sind, sondern sportliche Praktiken aller Art. Dazu zählen neben dem Sportmachen auch das Zuschauen und Diskutieren über Sport. Sport, sagst du, ist eine affektive Praxis. Magst du uns über Sport als affektive Praxis einleitend etwas erzählen?

Helen Ahner (HA): Sport ist ja zunächst mal dafür da, sich zu bewegen, zu spielen, vielleicht auch fit zu werden. Aber für mich ist Sport eben zuallererst ein Mittel, um bestimmte Gefühle zu bekommen. Und obwohl wir da vielleicht nicht als allererstes daran denken, dass Sport vor allem dazu da ist, Gefühle zu bekommen, ist genau das, was passiert, wenn wir Sport machen oder beim Sport zuschauen, wenn wir über Sport reden. Vielleicht seid ihr Fans von einer Mannschaft und die hat verloren oder gewonnen. Da sind auf jeden Fall viele Gefühle mit im Spiel, auch beim Zuschauen. Vielleicht macht ihr selber Sport. Wenn man bei einem Wettbewerb antritt, dann ist man nervös. Dann gibt es die Anspannung. Dann gibt es vielleicht auch Aggressivität oder Ehrgeiz. Dann gibt es eine Erleichterung oder eine Freude, wenn es geklappt hat. Es gibt Trauer und Ärger, wenn es nicht geklappt hat. Und all diese Gefühle tragen mit dazu bei, dass wir gerne Sport machen. Und all diese Gefühle machen es aber auch attraktiv, zuzugucken. Also wir gucken auch gerne anderen Leuten dabei zu, wie sie sich so einer Extremsituation aussetzen und dabei diese extremen Gefühle haben. Und das ist eben das, was ich meine, wenn ich sage, Sport ist eine affektive Praxis. Sport ist etwas, das wir tun, um Gefühle zu erleben und zu haben und hervorzubringen und auch in anderen zu erzeugen.

MB: Unter deinen Forschungsschwerpunkten steht auf der Homepage des Instituts für Europäische Ethnologie unter anderem Anthropologie des Körpers und der Sinne, sowie der Gefühle und Erfahrungen. Magst du mir sagen, was man darunter versteht, beziehungsweise was du da beforscht?

HA: Körper und Sinne, das kommt uns erstmal so vor, als wäre das halt einfach so, wie es ist. Und da gibt es auch nicht viel daran zu rütteln. Aber Forschungen wie meine zeigen, dass, zum Beispiel, wie unsere Körper aussehen, wie wir sie wahrnehmen, was uns daran wichtig ist, dass das eben nicht so ist, sondern dass das gesellschaftlich und kulturell geformt wird. Ein Beispiel dafür, das ich ganz treffend finde, ist, dass es im 19. Jahrhundert vielen bürgerlichen Frauen unfassbar einfach fiel in Ohnmacht zu fallen. Das konnten die einfach. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich bin vielleicht in meinem Leben einmal in Ohnmacht gefallen und das war nicht besonders angenehm. Es war für Frauen im 19. Jahrhundert auch nicht besonders angenehm, aber das war einfach Teil ihres Körpers und ihres Daseins. Und sie konnten von etwas so schockiert und brüskiert sein, dass sie in Ohnmacht gefallen sind.
Und genau diese Sachen festzustellen, dass unser Körper bestimmte Dinge kann oder auch lässt, dass das mit Geschlecht zusammenhängt, mit Klasse und dass sich das auch ändert, historisch, das erforsche ich, wenn ich mir die Anthropologie des Körpers und der Sinne anschaue. Das Gleiche gilt eben auch für die Sinne, wie wir fühlen, was wir riechen, was wir nicht riechen, was wir überriechen. Und genau das schaue ich mir eben an.

MB: Und was beforschst du bei den Gefühlen und Erfahrungen?

HA: Also bei Gefühlen und Erfahrungen ist es ganz ähnlich wie Körpern und Sinnen. Wir denken, wir haben einfach Emotionen und die haben vielleicht auch alle Menschen gleich, aber das ist eben überhaupt nicht so.
Ehre und Scham und Schuld zum Beispiel waren Gefühle, die haben sich im 19. Jahrhundert ganz anders verhalten. Für was schämt man sich? Vielleicht hat man sich dafür geschämt, dass man einen Knöchel gesehen hat oder dass man rot angelaufen ist. Und heute ist unsere Schamgrenze total verschoben. Da schämen wir uns vielleicht für was ganz anderes. Gefühle hat man nicht einfach so, sondern Gefühle sind eben auch gesellschaftlich gemacht. Und Gefühle sind auch unterschiedlich in Mode. Es gibt immer wieder neue Gefühle. Ein Gefühl, das man vielleicht kennt, wenn man jünger ist, ist der „Ick“. Der „Ick“ ist ein Gefühl, das man hat, wenn man bei einem potenziellen Partner oder einer Partnerin so merkt, das geht so gar nicht, da schüttelt es mich so richtig. Das ist ein Wort, das ist neu und damit irgendwie auch so eine Gefühlslage, die neu ist. Und genau das schaue ich mir eben an.

MB: Wie ist eigentlich dein persönliches Verhältnis zu Sport?

HA: Ich habe über 22 Jahre lang Handball gespielt. Ich habe aber im Sport auch gelernt, dass es in Ordnung ist, nicht immer die Beste zu sein. Denn ich habe zwar in der ersten Handballmannschaft gespielt, aber war jetzt nie so die Sternchenspielerin, die alle Tore macht. Das heißt, ich habe ein sehr gutes Verhältnis zum Sport. Es macht mir Freude. Ich mache es gerne. Wenn ich es nicht mache, fehlt es mir. Aber ich habe auch ein Verhältnis zum Gut und Schlechtsein im Sport, das nicht immer einfach war und ist.

MB: Was meinst du damit?

HA: Ich meine damit, dass natürlich Sport etwas ist, was uns sehr unmittelbar der Bewertung aussetzt. Gar nicht so anders wie Uni oder Schule. Und dass diese Bewertung aber ganz oft mit körperlicher Leistung zusammenhängt, was mir persönlich irgendwie sehr nahe geht. Und damit umzugehen und einen Weg zu finden, wie man auch akzeptiert, dass man mal keinen guten Tag hat, dass man halt Fehler macht, die vielleicht auch in der Mannschaft dann den Sieg kosten im schlimmsten Fall. Das war für mich und ist, glaube ich, bis heute so ein Lerneffekt. Und auch zu merken, es gibt immer irgendjemand, der besser ist wie man selber.

MB: Du schreibst, dass auch Gefühle Praktiken sind und auf unsere Körper einwirken. Wie meinst du das und magst du mir ein Beispiel dazu nennen?

HA: Also das ist natürlich ein bisschen Fachsprache, wenn ich sage, Gefühle sind Praktiken. Was meine ich damit? Ich war mal in so einem Forschungszentrum zu Gefühlen und da hatten wir immer diesen Slogan, den ich eigentlich total treffend finde: „Wir haben keine Gefühle, sondern wir tun Gefühle.“ Das heißt, wir sind aktiv daran, etwas zu tun. Und das bedeutet auch, dass wenn wir mit unserem Körper etwas machen, dann können wir dadurch Gefühle erzeugen. Es gibt da tolle Beispiele für. Eins ist zum Beispiel Lach-Yoga. Das können alle auch mal ausprobieren. Wenn man ganz viel lacht, dann kann es sein, dass man sich tatsächlich auf einmal fröhlich und erleichtert fühlt. Es gibt zum Beispiel auch die Beispiele von Trauerweibern, die es an einigen Orten der Welt gibt. Das sind Frauen, die man engagieren kann, auf Beerdigungen zu weinen und die Atmosphäre von Traurigkeit herzustellen. Also auch da sieht man, ein Gefühl ist nicht irgendwas, was man einfach nur hat, sondern es gibt ganz schön viel drum herum, was wir tun, damit wir diese Gefühle hervorbringen. Dazu gehört eben unter anderem auch das Geschlecht. Und ein gutes Beispiel dafür ist Ärger und Wut. Ärger und Wut, das kennen wir vielleicht ganz intuitiv aus der Erziehung. Da gibt es total unterschiedliche Arten und Weisen bis heute, für wen es okay ist, zum Beispiel sich super aggressiv zu ärgern, vielleicht auch mal mit der Faust irgendwo aufzutreten oder laut zu fluchen und zu schimpfen. Das ist immer noch etwas, was wir oft eher als männlich und für Männer auch eher als in Ordnung ansehen, wohingegen Frauen da oft häufig oder Mädchen beigebracht kriegen, dass sie sich nicht so ärgern sollen, dass sie ihre Wut unterdrücken sollen. Und deswegen machen sie das auch anders mit dem Körper. Da sieht Wut anders aus. Da wird man vielleicht eher ganz ruhig und läuft irgendwie rot an, anstatt dass man jetzt ausbricht und irgendwie wild mit den Armen fuchtelt und seiner Wut Luft verschafft.

MB: Kannst du mir historisch einen kurzen Einblick geben in das Themenfeld Sport als affektive Praxis?

HA: Genau, historisch ist die Entwicklung des modernen Sportes auch eng an die Entwicklung von modernem Militär gekoppelt und damit eben mit der Idee, dass eine Nation, ihre Männer insbesondere, also die, die potenziell für sie kämpfen, dass diese ausgebildet werden sollen und eben einen starken Körper haben, der eben nicht nur ihnen gehört, sondern auch diesem Vaterland oder dieser Nation. Und diese Ausbildung, die hat eben viel mit körperlicher Fitness zu tun. Es geht darum, durchhalten zu können und dafür waren eben Sportspiele oder sportliche Übungen total geeignet. Sport ist verwandt mit Drill. Es ging darum, vor allem Männerkörper auch fit zu machen für Kampf und Krieg. Die Normen und Ideale und auch die Gefühle, die damit in Verbindung traten, hatten viel mit Männlichkeit zu tun. Und zwar mit einer ganz bestimmten Art von Männlichkeit, so einer Idealvorstellung, die natürlich eigentlich auch auf kaum einen Mann zugetroffen hat, aber von so einem kämpferischen, ehrgeizigen, starken, muskulösen Körper, der sich opfert für die Nation und fürs Vaterland. Und das hat sich natürlich auch in Gefühlen niedergeschlagen. Und diese Gefühle treffen wir eigentlich bis heute im Sport an. Die haben sich verändert, Kontexte haben sich verändert, aber dieses Durchbeißen, Leistung zeigen, dranbleiben, das sind natürlich Gefühle, die im Militär total relevant sind und die wir ja auch heute noch feiern in Athlet*innen, die es irgendwie mit gebrochenem Bein dann noch schaffen, zu Ende zu spielen oder mit einer gebrochenen Nase oder mit einer Gehirnerschütterung.
Es gibt noch so eine andere Seite, die ist ein bisschen abstrakter. Wir sprechen davon, dass es eine Wettbewerbsgesellschaft gibt und gab und auch die hat sich eben im neunzehnten Jahrhundert vor allem herausgebildet. Es geht also darum, dass Wettbewerb ein wichtiger Teil ist und die Idee, dass Menschen nicht durch ihre Geburt, also zum Beispiel als Adlige oder eben als Bürgerliche oder als Arbeiter*innen, ihren Platz in der Gesellschaft bekommen sollen, sondern dass die Menschen, die am meisten leisten, sollen die besten Plätze in der Gesellschaft bekommen. Und dieser Gedanke, der bedeutet dann auch, dass alle Menschen in dem Wettbewerb sind und dass dieser Wettbewerb dazu führt, dass eben diejenigen, die es verdient haben, weil sie besonders viel Leistung erbringen, dann auch die begehrten Aufgaben und ein gutes Leben bekommen. Und auch das ist nichts, was so sein müsste und auch das muss man hinterfragen. Es ist auch wieder eng verwoben mit Kapitalismus und Patriarchat, aber diese Idee, dass gewinnt, wer am meisten leistet, die ist natürlich total gut abgebildet im Sport. Und auch das erklärt, dass Sport quasi wie zu so einem Abstraktum oder wie zu einem Beispiel wird, wie man in der Gesellschaft vorankommen kann. Auch das ist was, wo man sagen kann, das hat was mit Militarismus zu tun oder zumindest mit Wettkämpfen und mit den Idealen von Wettkampf und Leistung, die da im Sport sich eben auch widerspiegeln.

MB: Bevor wir zum Schluss kommen, möchte ich dich speziell in diesem Podcast Gefühle und Sport zu Selbsttechnologien etwas fragen. Wie hängen Selbstoptimierung, Perfektionismus und ´glücklich sein` zusammen?

HA: Wir leben ja in einer Zeit, in der wir eigentlich die ganze Zeit damit konfrontiert sind, dass wir uns selber verbessern können und nicht nur, dass wir es können, sondern weil wir es können, müssen wir es auch. Und was da eigentlich mit darunter liegt, das ist eine ganz gemeine Logik, die auch nicht stimmt, aber die besagt, du bist glücklich, wenn du besser wirst, wenn du dich selber optimierst, wenn du schöner bist, wenn du besser schläfst, wenn du besser isst und wenn du es nicht tust, dann bist du selber schuld. Und das stimmt aber einfach nicht.
Diese Logik ist ganz gemein, weil man dann denkt, naja, gut, wenn ich es jetzt nicht geschafft habe, schön auszusehen, dann liegt es ja nur an mir. Dabei liegt es an ganz vielen anderen Sachen. Es liegt daran, wie viel Zeit du hast, es liegt daran, wie viel Geld du hast, es liegt daran, was für einen Körper du hast, es liegt daran, wie viel Wissen du auch hast …
Und was hat das jetzt mit Neoliberalismus zu tun?
Neoliberalismus ist ja so ein weltweit agierendes Agglomerat, ein Zusammenkommen von Ideen, von politischen Strukturen, von persönlichen Strukturen, die eigentlich alle darauf abzielen, dass alle ihres eigenen Glückes Schmied oder Schmiedin sind. Das ist so die Grundidee, also eigentlich auch wieder so dieser Leistungsgedanken. Und es hängt dann oft damit zusammen, dass Sozialstrukturen in Staaten abgebaut werden und dass eben der Markt alles regelt, so die Idee.
Und du selber wirst eigentlich zur Unternehmerin deiner selbst. Diese neoliberale Leistungslogik, die da dahinter liegt, die kann ganz schön zerstörerisch sein. Und das führt dann eben zu solchen Videos von Mädchen, die teilen, wie sie ihren Alltag verbessern, wie sie morgens um fünf ausstehen, erst mal ein Workout machen, dann „journaln“, also in ihr Tagebuch schreiben, dann wenig essen und zur Schule gehen. Und das Gemeine daran ist, dass natürlich jedes für sich kann auch gut sein für dich. Also das kann auch gut sein für einen. Das Problematische, was ich daran sehe, ist, dass es zum Zwang wird und dass man sich eben nicht mehr aussuchen kann. Wo will ich das machen? Wo will ich mitmachen und wo nicht? Es ist total toll, wenn Menschen jeden Geschlechts Werkzeuge bekommen, wie sie sich gut fühlen können, wie sie vielleicht auch an sich arbeiten können, wenn sie das möchten. Aber wenn es zur Verpflichtung wird und wenn quasi das was wir gesellschaftlich gesagt bekommen, ist, du musst es machen, ansonsten bist du nicht wertvoll oder ansonsten kannst du nicht teilhaben an dieser Gesellschaft, dann wird es problematisch. Und das ist schon eine Tendenz, die man in der Gegenwart beobachten kann.

MB: Als Abschluss zu unmöglichen utopischen Potenzialen von Preisen und Anerkennungen bitte ich dich um einen kurzen Satz. Und zwar, wenn du einen Preis vergeben könntest, der unabhängig von Leistung ist, wer würde den Preis von dir bekommen?

HA: Es ist keine Person, aber es ist mein Hund, weil Hunde sind oder Haustiere an sich entziehen sich auf so eine angenehme Art der Leistungslogik. Und diesem Hund, die heißt Mimi, der würde ich den Preis geben für bedingungslose Freude, wann immer ich heimkomme und in welchem Zustand auch immer ich heimkomme.

MB: Liebe Helen, ich danke dir für das Gespräch.