„Wettkämpfe gibt es seit der Antike – aber das, was wir heute Sport nennen, wurde im 19. Jahrhundert geprägt und festgeschrieben. Dabei wurden bestimmte Werte des Sports definiert, die bis heute Bestand haben.“ Ein Gespräch mit dem Historiker Georg Spitaler.
Podcast: 1. PREIS [für mögliche, nicht messbare Qualitäten]
Folge 4 — Grunderzählungen des modernen Sports
Bios
Georg Spitaler
Georg Spitaler ist Politologe und Historiker. Er ist am Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung (VGA) tätig, einem politischen Archiv und Forschungszentrum, und lehrt als Privatdozent am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen neben Arbeiter*innengeschichte und Politischer Theorie auch Fragen des Politischen im Sport. Er ist u. a. Mitherausgeber von „Sport und Feminismus. Gesellschaftspolitische Geschlechterdebatten vom Fin de Siècle bis heute“ (Frankfurt/New York 2025). Von 2002 bis 2023 war er Mitherausgeber des Fußballmagazins ballesterer.
Zahlreiche Publikationen zu den Forschungsschwerpunkten Arbeiter*innengeschichte, Politische Theorie und Cultural Studies, Fragen des Politischen im Sport.
Transkript
Miriam Bajtala (MB): Lieber Georg Spitaler, du bist Politologe, Historiker und forschst am Verein für Geschichte der Arbeiter*innenbewegung VGA und lehrst am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Du hast einiges zu Sport veröffentlicht, thematisch zu Images des Sports in Österreich oder auch zu Ideologie und Ökonomie des Sports gearbeitet und du bist Herausgeber von Sport und Feminismus gemeinsam mit Petra Sturm. Diese Podcast Folge habe ich unter dem Titel Grunderzählungen des modernen Sports gestellt. Wenn du von Sport sprichst, was meinst du damit? Was ist historisch gesehen Sport? Und wann hat der von dir bezeichnete moderne Sport begonnen?
Georg Spitaler (GS): Ja, es ist immer die Frage, was definierst du als Sport? So bestimmte Bewegungskulturelle Praxen, Spiele, Wettkämpfe gibt es ja im Prinzip seit der Antike. Es gibt wahrscheinlich Leute, die sagen würden, das war schon Sport in der Antike. Die Olympischen Spiele gab es ja in der Antike als religiöses Großereignis in Griechenland. Aber das, was wir heute Sport nennen, ist etwas, was im 19. Jahrhundert in Großbritannien fixiert wurde.
Da wird der Sport etwas, was zunächst einmal das Bürgertum oder bestimmte soziale Schichten in England tragen. Leute, die in bestimmte Schulen gehen, in die Public Schools, also diese Privatschulen, wo der Sport dann zum Schulunterricht gehört. Wo bestimmte Spiele wie Fußball oder Rugby praktiziert werden, wo deren Regeln aufgeschrieben werden. Und wo auch bestimmte Werte des Sports definiert werden, die bis heute Bestand haben. So Dinge wie Fairplay, Fairness, dass Sport etwas mit Konkurrenz und Wettbewerb zu tun hat, dass Rekorde aufgeschrieben werden. Auch, dass Sport etwas Internationales ist, wo man antritt gegen Leute von woanders, entwickelt sich da. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Großbritannien im 19. Jahrhundert eigentlich die Weltmacht schlechthin war und sowohl kulturell als auch ökonomisch großen Einfluss hatte auf viele Regionen der Welt. Diese Idee dessen, wie Sport heute wahrgenommen wird, ist eine, die historisch nicht selbstverständlich war. Die sich durchgesetzt hat, die aber immer wieder auch in Frage gestellt wurde. Nicht zuletzt von Gruppen, die ausgeschlossen waren, Beispielsweise Frauen. Adelige Frauen zum Beispiel konnten schon alle möglichen Freizeitaktivitäten betreiben, bürgerliche Frauen zum Teil. Aber im Großen und Ganzen kann man sagen, dass Frauen weitgehend aus vielen sportlichen Praxen ausgeschlossen waren. Und das ist ein Kampf bis in die Gegenwart.
Andere Gruppen, also die Frage des sozialen Ausschlusses ist auch ab 1900 ein großes Thema. Und führt eben dazu, dass schon ab der Jahrhundertwende sich eigene Arbeitersportvereine gründen. Diese Idee, wir brauchen eigentlich einen anderen Sport, der demokratisch wäre, der inklusiv wäre. Also das war ein Thema.
Schon damals war auch ein großes Thema, die Frage der Medien und der kommerziellen Verwertung des Sports. Soll Sport eigentlich als Beruf ausgeübt werden? Und wenn ja, was bedeutet das? Damals aber auch war natürlich schon eine große Frage, welches Verhältnis gibt es zwischen Sport und Training und Krieg? Gerade natürlich in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg war das eine große Frage, inwiefern soll Sport auch so etwas wie einer Militarisierung dienen oder eben nicht? Sind das dann Werte, die im Sport sozusagen trainiert werden, um demokratische Bürger und Bürgerinnen hervorzubringen? Oder werden da Leute trainiert, die sozusagen gut funktionieren als Befehlsempfänger und im schlimmsten Fall wieder in den nächsten Krieg ziehen werden als körperlich starke Männer vor allem?
Vieles davon ist natürlich etwas, was bis heute relevant ist. Wir haben ja nicht zuletzt durch die MeToo-Debatte im Sport in den letzten Jahren auch viel öffentlich erfahren über die Art und Weise, wie Ausbeutung in solchen Abhängigkeitsverhältnissen stattfindet. Also was sozusagen hinter dieser Fassade eines Hochglanzsports, der Erfolge generiert, der mit extrem viel Leidenschaft und Unterhaltung verbunden ist für das Publikum, aber was das jetzt für die konkreten Akteure, Akteurinnen bedeutet, das ist natürlich etwas, was zu diesen Schattenseiten gehört und was ein Punkt ist, der natürlich immer wieder diskutiert wird, wenn es darum geht: Wir brauchen einen anderen Sport: Wie würde der aussehen, damit all das dann nicht dort stattfindet?
MB: Was ist eigentlich das Authentische am Sport? Warum authentischer Sport?
GS: Also ein Punkt ist sicherlich der, dass eben diese Taten des Sports ja mit dem Körper vollführt werden. Und der Körper ist etwas, was auf den ersten Blick sichtbar, nachvollziehbar ist. Wir glauben, wir sehen alles, wenn wir den Sportler, die Sportlerin bei ihrer Leistung beobachten. Es gibt, glaube ich, die Idee, sozusagen Leistungen, die körperlich, die mit dem Körper vollbracht werden, sind welche, die nachvollziehbar sind. Auch für Leute, die das selber nicht schaffen würden, sozusagen mit ihrem eigenen Körper.
MB: Magst du mir aus deiner soziologischen Perspektive mehr über die Narrative und Klischees moderner Sportler*innen erzählen? Beziehungsweise über diese medial vermittelten Erzählungen sprechen?
GS: Im Prinzip, wenn man sich so ansieht, wie funktionieren zum Beispiel populäre Sportler*innen Biografien, also Autobiografien, Biografien von Sportstars. Die sind eine ganz spannende Quelle, um sich anzusehen, genau welche Geschichten da eigentlich im Sport erzählt werden. Und da gibt es, wenn man so will, zwei Grundthemen: Das eine ist, Leistung, Training und bestimmte moralische Qualitäten führen zu Erfolg. Also wenn ich mich anstrenge, wenn ich das ganz toll mache, alle möglichen Hindernisse auf dem Weg überwinde, irgendwann kommt dann der große Moment des Sieges, des Erfolgs, der dann gefeiert wird. Das ist, glaube ich, die Grunderzählung des modernen Sports. In diesen Biografien ist es dann meistens noch so, es gibt die ´ups and downs`, also es gibt die Rückschläge, die Verletzungen, die unglücklichen Ereignisse, wo was passiert ist, was die Sportler*innen nicht beeinflussen konnten, wo von außen ihnen Hindernisse in den Weg gelegt wurden. Aber im Idealfall endet die Geschichte dann damit, dass dann doch nochmal das Comeback gelingt und der Erfolg eingefahren wird. Also das ist, würde ich sagen, die Geschichte des Sports, die vor allem natürlich die Geschichte der Sieger*innen erzählt, die nicht erzählt, dass es sozusagen neben diesem Sieger auch 15 Mitschüler*innen gibt, die diese Erfolge dann nicht gefeiert haben aus unterschiedlichen Gründen, die aber wahrscheinlich genauso trainiert haben wie der eine, der es geschafft hat. Und die natürlich wenig erzählen über alles das, was sozusagen geopfert werden musste für diese Erfolge. Also alles das fällt dann aus diesen medial vermittelnden Erzählungen meistens raus. Diese Erfolge werden ja nicht nur für den Sportler und die Sportlerin als solche erzielt, sondern sie werden als nationale Erfolge dann wahrgenommen, wenn es um so klassische Nationalsportarten geht. Ganz allgemein hat der Sport sicher eine große Rolle dafür gespielt, dass es überhaupt sowas gibt, wie die Vorstellung einer österreichischen Nation. Einfach dadurch, also es gibt den Begriff dazu in der Soziologie, der heißt banaler Nationalismus. Also durch so ganz banale Dinge wie, dass es eben sowas gibt wie eine Nationalmannschaft, dass bei olympischen Spielen die Fahnen hochgezogen werden, dass die Hymnen gespielt werden. Das ist ja eigentlich nicht selbstverständlich, aber im Sport ist es selbstverständlich, wird praktisch naturalisiert und jedes Kind in Österreich wächst mit dieser Vorstellung auf. Und auch, dass das dann was Tolles ist, wenn ein österreichischer Sportler oder eine Sportlerin da etwas gewinnt. Also das heißt, das ist einfach eine Naturalisierung von dieser Idee der Nation.
MB: Zu dieser Idee der Nation wollte ich auch die nächste Frage formulieren. Und zwar geht es um das Image des Sports, das oft als neutraler, unpolitischer Bereich dargestellt wird. Ein Ort, wo Leistung, Fairplay und Teamgeist im Vordergrund stehen. Das ist das Narrativ, das Medien, Politik und Verbände gern verkaufen. Hinter dieser Fassade spielen aber die Ideologie und Macht eine große Rolle, eben Nationalismus, Geschlechterrollen, Klassen- und Milieuzugehörigkeit. Was verrät Sport über die österreichische Gesellschaft, wenn man hinter die Fassade des Unpolitischen blickt?
GS: Wenn wir jetzt bei dem Bereich des Nationalen bleiben, dann kann man in Österreich sagen, dass es eigentlich im Großen und Ganzen zwei Sportarten sind, die historisch so eine Rolle als Nationalsportarten angenommen haben. Das ist einerseits im Sommer der Fußball und im Wintersport der alpine Skisport. Beide beinhalten eigentlich sehr spezifische kulturelle Zuschreibungen, die sich auch mit diesem Verhältnis von Stadt und Land in Verbindung bringen lassen. Sie haben ja beide im Prinzip begonnen zunächst, also Fußball vor allem als Sport der Städte, der urbanen Zentren, vor allem Wien. Skisport wurde schon auch in Wien und Umgebung ausgeübt, aber der Ort war dann sehr schnell, waren eigentlich die Alpen, also war Westösterreich. Gerade Bilder eines alpinen Österreichs waren sehr anschlussfähig für politische Erzählungen, wie das Land aussieht, wie es aussehen soll, wer sind die Österreicher, wie schauen die aus, was tun die, was zeichnet die aus. Also so eine Vorstellung eines ländlich alpinen, authentischen Österreichs, das ist etwas, was der Skisport bis in der Gegenwart immer wieder vermittelt, das sich aber gleichzeitig abgrenzt von der Stadt und sagt, was wir alles nicht sind.
Und der Fußball unterscheidet sich ein bisschen davon, würde ich sagen, weil der Fußball, eigentlich seit es ihn als professionell betriebenen Sport gibt, also seit den 1920er Jahren in Österreich, immer ein Sport war, der eigentlich ein Abbild war der sozialen Zusammensetzung einer vor allem städtischen Bevölkerung, also wo zum Beispiel migrantische Burschen, also vor allem Männer immer präsent waren, unterschiedlichster Zuwanderungsphasen bis in die Gegenwart. Wenn man sich die Nationalmannschaft im Fußball anschaut, dann vermittelt die ein sehr diverses Bild Österreichs.
Im Skisport ist das anders. Also das wäre nur so ein Beispiel, wo man sieht, wo etwas scheinbar nichts mit Politik zu tun hat. Wenn man genauer reinzoomt, dann sehr wohl zumindest Bilder vermittelt dessen, wie wir uns Österreich vorstellen.
Ein anderes Beispiel ist, dass alleine diese Vorstellung, dass der Sport unpolitisch ist, dass er neutral ist, dass es eine Sphäre ist, die getrennt von der Politik ist, dass das eine Idee ist, die nicht immer so vorhanden war. Und dass es eigentlich Sportkonzepte gab, auch in Österreich, die ganz andere Interpretationen des Sports gehabt haben. Beispielsweise in der Zwischenkriegszeit war der Sport hoch politisiert in Österreich, und zwar von unterschiedlichen politischen Gruppen. Also beispielsweise gab es da den sehr starken Arbeiter- und Arbeiterinnensport, die ganz dezidiert gesagt haben, also wir erobern uns da eigentlich ein bürgerliches Feld. Alleine, dass wir sozusagen teilnehmen im Sport, ist schon eine politische Praxis. Wir organisieren diesen Sport auch anders. Also da gab es eigene Vereine, Ligen, Verbände. Man hat zum Teil nicht gespielt gegen die bürgerlichen Sportvereine, zum Beispiel im Fußball. Und man hat auch gesagt, ja, der Sport muss ganz anders funktionieren. Also beispielsweise waren Rekorde etwas, wo man gesagt hat, die wollen wir eigentlich gar nicht zählen. Individuelle Erfolge wurden eigentlich nicht so hoch gehängt, sondern man hat gesagt, es geht eher um so eine kollektive Praxis. Also es geht darum, vielleicht zu bewerten, wie tritt ein gesamtes Team an, aber nicht, wer sind da jetzt die Besten in diesem Team. Diese Ideen sind dann mit dem Ende der Demokratie in Österreich 1933/ 34 eigentlich mehr oder weniger verschwunden und sind dann nach 1945 auch kaum mehr in dieser Form aufgegriffen worden. Auf der anderen Seite kann man sagen, dass es zum Beispiel damals in den 20er, 30er Jahren auch von rechts Sportkonzepte gab, die ganz dezidiert politisch waren. Wenn wir zum Beispiel an die politische Grundierung des Alpinismus denken, wiederum des Skisports denken, die ganz stark eingebunden waren in so deutschnationale Konzepte, wo es darum gegangen ist, sozusagen den Körper zu stärken für eine nationale Aufgabe, wo es auch starke Anknüpfungspunkte gab zum Faschismus, zum frühen Nationalsozialismus und wo auch politische Vereine und Verbände ganz konkret eine Rolle gespielt haben in den politischen Gewalttaten der Zwischenkriegszeit.
Nach 1945 einigt man sich in Österreich darauf, zu sagen, okay, Sport ist unpolitisch und wir betreiben das alle gemeinsam. Was aber zum Beispiel bis heute natürlich überhaupt nicht heißt, dass es nicht so etwas gibt wie Sportpolitik. Also die Frage, wie wird Sport reguliert, organisiert, subventioniert, ist natürlich eine sehr politische Aufgabe.
Ich glaube, nicht zu Unrecht gibt es ein Sportstaatssekretariat, das sich genau mit solchen Fragen beschäftigt. Es gibt die großen Verbände des Sports, national und international, und diese zivilgesellschaftlichen Organisationen, wie man sie nennen könnte, oder die vielleicht als zivilgesellschaftliche Organisationen begonnen haben, eben als Vereine, sind natürlich auch schon seit Jahrzehnten auf internationaler Ebene vor allem ganz wichtige politische Akteure, die mit ganz viel Macht auch ihre eigenen Interessen durchsetzen.
Wenn es jetzt zum Beispiel geht um die Organisation von Großereignissen des Sports wie Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften, und auch da wäre es fast absurd zu sagen, dass das unpolitisch ist, was diese Organisationen tun und wie sie praktisch ihre Interessen auch durchsetzen.
MB: Lieber Georg, wir haben jetzt sehr viele komplexe Zusammenhänge zu Themenbereichen des Sports gehört. Du hast unterschiedliche Lesarten offengelegt, die gerne unsichtbar bleiben oder verwischt werden. Danke dafür.
Für die Zuhörerinnen dieser Podcast-Folge im Besonderen möchte ich nochmals auf das Buch Sport und Feminismus hinweisen. Georg Spitaler und Petra Sturm sind die Herausgeberinnen dieses Bandes, der sowohl zentrale historische Originaltexte enthält als auch aktuelle Beiträge aus ganz unterschiedlichen Disziplinen.
Lieber Georg, ich danke dir für das Gespräch.