Podcast: 1. PREIS [für mögliche, nicht messbare Qualitäten]
Folge 2 — Das Ballsportgymnasium

„Leistungssportler*innen haben zwei Berufe gleichzeitig: Schule und Leistungssport – und keine Zeit, um am Wochenende endlos Hausübungen zu machen.“ Ein Gespräch mit Gründungsdirektor Werner Scharf über die Anfänge und Besonderheiten dieses Schulmodells.

Länge:
12:25 min
Sprache:
Deutsch
Datum:
06.06.2025
Konzept und Realisierung:
Miriam Bajtala

Bios

Werner Scharf

Werner Scharf ist der Gründungsdirektor des Wiener Ballsportgymnasiums (2013 bis 2025) und war von 2005 bis 2024 Berater des Vorstandes und des Präsidiums der Wiener Austria.

  • 2024: Ernennung zum Hofrat durch den Bundespräsidenten
  • 2000–2012: Professor für Mathematik, Informatik und Geometrie
  • 1994–1998: General Manager eines internationalen Bildungsinstitutes (Wien – San Francisco – Boston)
  • 1985–2005: Lehrer*innen Aus- und Weiterbildner für AHS – und APS
  • 1984–1994: Professor an verschiedenen Wiener Gymnasien

Transkript

Miriam Bajtala (MB): Lieber Werner Scharf, Sie sind Gründungsdirektor des Ballsportgymnasiums. Ich habe Sie auch deswegen eingeladen, trotz Ihrem Ruhestand, zu diesem Podcast. Wie kam es eigentlich zum Bau des Ballsportgymnasiums?

Werner Scharf (WS): Der Start der Idee, ein Ballsportgymnasium zu gründen, war im Jahr 2008 bereits. Und zwar war das eine Idee, die aus dem Haus der Wiener Austria gekommen ist. Ich war seinerzeit schon in führender Tätigkeit in diesem Bereich bei der Austria ehrenamtlich tätig. Wir sind dann bereits 2009 gestanden, damals mit dem Wiener Bürgermeister Michael Häupl und dem Austria-Vorstand, im Stadionbereich, wo man auf den jetzigen Bauplatz sieht. Das war 2009 und da war so irgendwo die Vision, naja, in drei, vier Jahren steht hier unsere Schule. Das heißt, es hat Jahre Kampf bedeutet, diese Schule einmal ins Leben zu rufen mit einer Schulkennzahl. Schulkennzahl heißt, es ist offizieller Schule. Wir wurden dann mal an die Pichelmayergasse im 10. Bezirk angehängt. Dort sind einmal nur unsere Fußballer gesessen und von meinem Nachfolger, von Georg Zivko, die Vikings.
Ich durfte dann die Jahre darauf auch parallel dazu in Europa die Top-Klubs mit ihren Akademien besuchen. Das heißt, wir waren, uns anschauen, wie funktioniert das bei Bayern München und vielen anderen Klubs. Letztendlich entscheidend war mein Besuch im Skigymnasium Stams, wo ein Modell funktioniert, Leistungssportler zu betreuen und die Matura zu ermöglichen.
Es war dann endlich im Jahr 2013 soweit, nach vielen, vielen Versuchen, Anträgen, dass vom Ministerium die Schulkennzahl erteilt wurde und mit September 2013 konnten wir in Erdberg starten. Wir haben damals ca. 150 Schüler aus der Pichelmayergasse übernommen und ungefähr 20 Lehrer.
Zwei Jahre später, das war 2015, wurde ich einerseits dann zum Direktor ernannt und konnte dann entsprechend abgesichert die nächsten Jahre in Angriff nehmen. Das Wachstum hat sich so gestaltet, dass wir also von 2013 bis heute von diesen knapp 200 Schülern auf knapp 700 Schüler uns gesteigert haben, unser Lehrkörper von 20 auf über 60 Kollegen. Das Schöne daran war, dass ich die Kolleginnen und Kollegen, die sich an der Schule beworben haben, wirklich handverlesen konnte. Das heißt, ich konnte wirklich darauf schauen, ob der oder die Kollegin verstehen, was es heißt, mit Leistungssportlern zu arbeiten. Dass die zwei Berufe haben, dass die zum Teil eine 70-80-Stunden-Woche haben, dass die einfach keine Zeit haben, wenn sie nach Hause kommen, spät am Abend mit dem Nachhilfelehrer etwas nachzulernen oder am Wochenende endlose Hausübungen zu machen. Das Sondermodell mit Leistungssportlern zu arbeiten hat viele engagierte junge Pädagogen und Pädagoginnen sehr interessiert.
Ich habe dann im Laufe der Zeit relativ rasch ein Leitungsteam aufgebaut, was es als solches per Definition eigentlich im AHS-Bereich nicht gibt. Und dieses Leitungsteam hat dann mit mir gemeinsam die Schule geleitet. Wir hatten dadurch natürlich die Möglichkeit, da gehört der Georg Zivko vom Beginn an dazu, natürlich die Julia Mangl, und das hat sich einfach bewährt, weil man kann alleine so ein Riesenhaus nicht wirklich gut leiten. Und systematisch sind wir ein bisschen zu einem Vorzeigemodell deshalb geworden, weil dann auch die Bildungsdirektion und das Ministerium aufmerksam wurden und immer wieder gesehen hat, dass wir zwar einen ganz anderen Weg gehen, aber dieser doch durchaus erfolgreich ist.

MB: Wie viele Schülerinnen maturieren pro Jahr?

WS: Wir haben mittlerweile geschafft, dass wir pro Jahr 100 bis 120 Schüler und Schülerinnen aus dem Sportgymnasium durch die Matura geführt haben. Und das ist eine so hohe Anzahl, vergleichbare Schulen haben eine Handvoll Maturanten. Und das zeigt natürlich, dass man in so einem Schulmodell, am Anfang ein Schulversuch, sich am Kunden orientieren muss, was auch sehr oft von Pädagogen nicht gern gehört wird. Aber der Schüler ist Kunde, ein Leistungssportler hat seine Trainingszeiten, hat am Wochenende zu tun. Das heißt, gerade mit Leistungssportlern zu arbeiten, geht eigentlich aus unserer Sicht nur, wenn diese Schule von Beginn an sich auf das konzentrieren kann.

MB: Und wie kam es dann zu einem Neubau der Schule?

WS: Parallel dazu war es notwendig, daran zu arbeiten, den Schulneubau voranzutreiben, von dem wir 2009 geträumt haben. Letztendlich wurde der Wettbewerb ausgeschrieben. Und auch da ist dem Leitungsteam, allen voran Georg Zivko und Julia Mangl zu verdanken, dass wir es geschafft haben, einen Schulbau zu bekommen, der eben nicht 0815 ist.

MB: Sie haben bei unserem Gespräch erzählt, dass der Name Ballsportgymnasium relativ früh da war. Sind hier nur Ballsportarten vertreten oder wie ist oder war da die Vision?

WS: Zu der Zeit hat es tatsächlich in dem Modell nur Ballsportler gegeben. Vikings für American Football, die Wiener Austria natürlich federführend mit Fußball, die Timberwolves mit Basketball, dann hatten wir Landhockey, Handball, Volleyball. Alles Ballsportarten und die großen Partner sind alles Ballsportpartner. Ausnahme ist an sich die Vienna Capitals, die auch bei uns sind mit ihren Leistungssportlern. Der Puck wird nicht als Ball bezeichnet.

MB: Es gibt ja Sportgymnasien. Was ist jetzt beim Ballsportgymnasium besonders oder anders?

WS: Der wesentliche Unterschied ist, das sind normale Regelschulen und sie haben ein paar Leistungssportklassen parallel in einem Zweig. Das heißt aber, ich kann nicht alles darauf ausrichten, weder Stundenplan noch die Kollegen. Das heißt, alles was es braucht, diese Spezialisierung später zu beginnen, zu blocken, sehr flexibel mit den Freistellungen zu sein. Man braucht in einem Leistungssportgymnasium einen eigenen Bereich, das ist unsere Sportkoordination, wo wir uns beschäftigen mit mehreren Kollegen mit den laufenden Freistellungen. Eine eigene Förderschiene haben wir aufgebaut, die ganz speziell auf das hin arbeitet, damit die jungen Leute, wenn sie immer wieder länger fort sind, auch wieder zurückfinden.
Die Idee, dass wer voll trainiert und während der Zeit sehr viel unser Online-Angebot annimmt, ist halt auch nicht sehr realistisch, weil der hat seinen Kopf, seine Zeit und Energie beim Sport, aber nicht bei der Englischhausübung. Somit ist es ganz wichtig, wenn sie zurückkommen, dass man wieder schaut, dass man allfällige Defizite auffängt und das geht nur mit einem eigenen Fördersystem. Das heißt, es ist alles im Prinzip auf die Leistungssportler, auf diese Dualausbildung, zwei komplette Ausbildungen ausgerichtet und das kann eine andere Schule, die eine Regelschule ist mit einem Zweig, nie und nimmer leisten, nicht weil sie es nicht kennen, sondern weil es nicht organisatorisch und personell machbar ist. Und das ist ein Riesenunterschied.

MB: Wie sind die Lehrer*innen in dieses Modell eingebunden?

WS: Wir sind ein Ganztagsmodell. Wir haben ein Mentoren-Buddy-System im Haus, wo ein Kollege, der fertig ausgebildet ist, wirklich ein ganzes Jahr entsprechende Betreuung kriegt. Wir haben einen Share-point aufgebaut, vor allem die Kollegin Mangel hat das aufgebaut, wo im Prinzip, wie die Schule tickt, ist alles oben. Das kann jeder nachschauen, jeder nachlesen.
Aber gesehen habe ich, was man mit Spezialisierung, mit speziellen Schulmodellen, wenn man sich fokussieren kann mit dem Personal, mit der Struktur, das habe ich in Amerika gesehen. Und das kalifornische Schulsystem hat sehr viele Dinge, die hervorragend sind, nämlich eine ausreichende Verwaltung. Und da haben wir natürlich viele, viele dieser Dinge gesehen, sind aber nie in Österreich dann umgesetzt worden, breitflächig. Wobei genau das die Lösung wäre, dass die Schule in Summe insgesamt effizienter wird und es weniger Geld kostet. Weil derzeit alles, was eine Schule weiterentwickelt, müssen eigentlich unterrichtende Kollegen und Kolleginnen übernehmen, gemeinsam mit einem Direktor und einem Administrator. Wenn ich dort Verwaltung habe, breit, dann kann ich hergehen und kann ich natürlich entsprechend die Kollegen und Kolleginnen mehr auf das Pädagogische konzentrieren lassen.

MB: Waren Sie selbst Sportler?

WS: Ich war immer noch Hobbysportler und kann dazu sagen, ich habe erst in den ersten Jahren als Leiter der Schule gesehen, was diese jungen Leute wirklich leisten. Also unfassbar. Diesen getakteten Alltag, die stehen alle zeitig auf, die gehen zum Training am Vormittag, mehrmals in der Woche, dann kommen sie doch manchmal müde in die Schule, dazwischen einmal essen, wenn es sich ausgeht, am Nachmittag arbeiten, lernen und Wochenende ist immer Spiel. Das heißt, ich habe systematisch gelernt und verstanden und hat mir sehr viel Respekt abgenötigt, was solche jungen Leute leisten und auf was sie alles verzichten. Wir haben mit der Sigmund-Freud-Privatuniversität ein tolles Projekt laufen, wo der Leistungssportler im Dualsystem untersucht wird. Bei was und bei welchen Dingen er zu kurz kommt, gerade in der Pubertät, in den Jahren, wo man seine erste Freundin hat, wo man gern fortgeht, chillt und was heißt das für die jungen Leute?

MB: Was ist für Sie das Positive am Leistungssport?

WS: Also das Positive an einem Leistungssportler ist, dass sie in der Lage sind, ihren Tag zu nutzen, ihre Zeit zu nutzen, dass sie am Punkt Leistung bringen können, dass sie als Schüler eigentlich konstruktiv sind, weil sie die Zeit im Unterricht sinnvoll nützen wollen, weil sie sich nicht ins Ballsportgymnasium hetzen, damit sie dort einen mäßig faden Unterricht genießen. Sie sind auch fordernd und das ist gut. Das fordert den Kollegen, auf der anderen Seite natürlich, das müssen sie verstehen lernen, die Kollegen, dass ein Leistungssportler mit einem Befriedigend zufrieden ist, weil er einfach keine Zeit hat, mehr zu tun, weil es ist natürlich die riesige Challenge, obwohl diese jungen Leute sehr reduzierte Zeitressourcen haben, rein für Mathe, für Geschichte etc., sie aber trotzdem auf das Level einer Matura zu bringen.

MB: Was möchten Sie hier im Podcast jungen Sportler*innen mit auf den Weg geben?

WS: Dass sie hinausgehen sollen und die Weltoffenheit, die sie hoffentlich und bis dato sicher im Ballsportgymnasium gelernt haben, dass sie diese weiter ausbauen und hinaustragen in den politischen Alltag, in den Freundeskreis etc. und den Weitblick, den sie auch dadurch haben, dass sie zum Teil schon sehr weit gereist sind, dass sie andere Länder gesehen haben, sehr viele haben Austauschjahre gemacht und dass sie politischer werden. Das heißt, dass man nicht nur sich austauscht mit Freunden, sondern wenn man Interesse hat, an diesem Land etwas positiv weiter zu verändern, etwas zu erhalten, was womöglich in Gefahr ist, dass sie sich da wirklich engagieren.

MB: Gibt es einen Schlusssatz, den Sie sagen möchten?

WS: Eines der wesentlichen Dinge eines Direktors ist, sein Team, seine Kollegen und Kolleginnen regelmäßig zu sehen, zu respektieren, zuzuhören und zu loben.

MB: Das ist ein wirklich schönes Interviewende, sich bei Ihren ehemaligen Kollegen und Kolleginnen zu bedanken. Danke Ihnen auch.