„Ich war dann irgendwann besser als die Jungs, und es hieß, dass ich diesen Sport nicht mehr ausüben darf, weil es für die Ringer nicht verkraftbar war, von Frauen besiegt zu werden.“ Ein Gespräch mit der ehemaligen Weltklasse-Ringerin und Lehrerin.
Podcast: 1. PREIS [für mögliche, nicht messbare Qualitäten]
Folge 12 — Nikola Hartmann
Bios
Nikola Hartmann
Nikola Hartmann ist eine ehemalige österreichische Ringerin bei KSV Götzis (1993-2009), fünffache Welt- und Europameisterin, sowie zwölffache Österreichische Meisterin. Seit 2001 unterrichtet sie Sport, Psychologie und Philosophie an einem Gymnasium in Bregenz.
Für ihre Verdienste um den Ringersport wurde sie im September 2010 in die FILA International Wrestling Hall of Fame aufgenommen.
Transkript
Miriam Bajtala (MB): Liebe Nikola Hartmann, Du bist eine ehemalige österreichische Ringerin und fünffache Welt- und Europameisterin sowie zwölffache österreichische Meisterin. Ich habe Dich eingeladen, weil Du so viele spannende Aspekte für diesen Podcast vereinst: Du bist Weltklasse-Sportlerin gewesen und kannst Auskunft geben, wie das für Dich war und auch wie Du jetzt aus einer zeitlichen Distanz darauf blickst, was die Herausforderungen damals waren, was Du gelernt hast und wie Du Deine sportlichen Erkenntnisse in Deinen jetzigen Alltag und Beruf integrierst. Du hast eine Lehrerinnen-Laufbahn eingeschlagen. Seit 2001 unterrichtest Du Sport, Psychologie und Philosophie an einem Gymnasium in Bregenz und vermittelst Wissen, Tools, Werte und Haltungen an Jugendliche.
Wie hat Deine Leidenschaft zum Sport begonnen?
Nikola Hartmann (NH): Meine Leidenschaft zum Sport hat begonnen, weil mein Vater ein sehr erfolgreicher Ringer war und dadurch Sport in unserer Familie einen Mittelpunkt gehabt hat. Mit dem Ringen habe ich sehr früh angefangen. Als kleines Kind mit vier Jahren hat mich mein Vater damals schon mit in die Ringerhalle genommen und ich habe dann gerungen zusammen mit den Jungs. Irgendwann war es dann leider so, dass ich besser war als die Jungs, die ich besiegt habe. Dann hat es irgendwann geheißen, ich darf diesen Sport nicht mehr ausüben, weil es für die Jungs nicht verkraftbar ist, wenn sie von Frauen besiegt werden. Dann war es so, dass ich angefangen habe, alle möglichen anderen Sportarten zu machen.
Irgendwann mit 15 Jahren ist mein Vater von einer Weltmeisterschaft, er war ja Bundestrainer bei den Herren, nach Hause gekommen und hat gesagt, jetzt haben zum ersten Mal die Frauen mitgerungen. Dann bin ich wieder mit ihm in die Ringerhalle gegangen mit 15 Jahren und habe mich sofort in diesen Sport verliebt und dann habe ich wieder angefangen zu Ringen.
MB: Was ist das Besondere am Ringen?
NH: Das Besondere am Ringen ist, dass es nicht nur auf eine Komponente bestimmbar ist, sondern dass du einfach viele Sachen gleichzeitig machen musst. Du musst schnell sein, du musst vorausnehmen, was deine Gegnerinnen machen, du musst stark sein, du musst auf jede Technik eine Antwort haben. Es ist einfach so eine vielfältige, tolle Sportart. Und du musst natürlich auch den Körperkontakt mit anderen Menschen mögen, weil sonst kannst du diesen Sport nicht ausüben.
MB: Was hat dich ausgezeichnet als Ringerin?
NH: Bei mir war es so, dass ich Linkshänderin bin, und ich konnte die Griffe auf links machen und das ist in allen Sportarten ein großer Pluspunkt. Zur damaligen Zeit war ich sicher eine der Schnellsten, die einen Doppelbeingriff machen konnte. Und mein großer Vorteil war sicher auch, dass ich eben mit Jungs trainiert habe.
MB: Womit hast du als aktive Sportlerin körperlich und oder psychisch manchmal zu kämpfen gehabt?
NH: Körperlich eigentlich gar nichts, aber psychisch war es sicher so, dass ich eigentlich eine der ersten Frauen war, die in eine Männerdomäne eingetreten ist. Und das ist natürlich immer schwierig und am Anfang habe ich nicht gerade viel Unterstützung bekommen. Da wurde ich finanziell vor allem von meinen Eltern unterstützt, dass ich die ganzen Trainingslager und die Wettkämpfe bestreiten konnte. Und irgendwann, als die Erfolge da waren, war es so, dass der österreichische Amateurringerverband auch gesehen hat, dass die Frauen jetzt auch in den Ringsport eintreten. Und von dort an ist dann auch die Unterstützung vom österreichischen Ringsportverband gekommen. Aber das waren eigentlich so die Dinge, mit denen ich zu kämpfen hatte, wie am Anfang, zum Beispiel, „was wollen jetzt die Frauen ringen, was wollen die jetzt da in dieser Sportart?
MB: Wann hast du aufgehört mit dem Ringen? Weil du musstest ja auch irgendetwas verdienen. Und wer hat dich finanziell unterstützt bei dem Sport?
NH: Also ich habe 2009 meine letzte Weltmeisterschaft gerungen. Ich habe 1993 bis 2000 in Innsbruck Sportwissenschaften, Psychologie, Philosophie und Pädagogik auf Lehramt studiert. Und klar wurde ich unterstützt durch meine Eltern, sonst wäre das nicht gegangen.
Und wo die Erfolge halt dann gekommen sind, waren es auch die österreichische Sporthilfe, von denen ich monatlich Geld bekommen habe. Aber das war halt auch immer leistungsbedingt abhängig. Da habe ich immer unter die ersten drei bei der Europameisterschaft oder unter die ersten fünf bei der Weltmeisterschaft kommen müssen. Und das war immer nur auf ein Jahr begrenzt. Da habe ich monatlich Geld bekommen. Und dann habe ich zum Glück auch zwei Sponsoren gehabt, die mich unterstützt haben.
MB: Wie blickst du aus einer zeitlichen Distanz von mehr als 15 Jahren auf diese Zeit als aktive Sportlerin zurück?
NH: Es war eine meiner schönsten und besten Zeiten, die ich gehabt habe. Also ich will es nicht missen und ich würde es jedem Jugendlichen raten, wenn er/sie die Möglichkeit hat, das auf jeden Fall zu machen. Ich habe Freunde auf der ganzen Welt. Wenn ich nach Japan, Kanada, Amerika, China oder irgendwo hinfahre, kann ich immer Leute anrufen, bei denen ich weiß, da bin ich immer herzlich willkommen und kann dort umsonst wohnen. Das sind in den Randsportarten die Dinge, die wahrscheinlich in anderen Sportarten nicht so sind, weil dort die Konkurrenz größer ist.
MB: Aber sind die Freundschaften auf der ganzen Welt, von denen du sprichst, die Gegnerinnen, mit denen du gekämpft hast?
NH: Das sind meine Gegnerinnen. Und eine meiner besten Freundinnen, von der bin ich sogar die Trauzeugin, mit der ich jedes Mal gekämpft habe um den Einzug ins Finale oder sie mich vorher aus dem Wettkampf geworfen hat. Das sind wirklich Freundschaften, die ich immer noch halte.
MB: Was kannst du in deinem jetzigen Leben von diesem Sport gebrauchen, auch als Lehrerin? Was hat dir das Ringen beigebracht?
NH: Durchhaltevermögen, Respekt vor anderen Menschen, dass man Spaß am Sport haben kann, dass nicht nur die Leistung zählt. Das versuche ich auch meinen Kindern in der Schule zu vermitteln, dass Bewegung einfach wichtig ist im Alltag.
MB: Noch einmal zu der Frage zurück, welche Eigenschaften sollte man als Sportlerin mitbringen bzw. welche Tools entwickeln lernen?
NH: Als Sportlerin mitbringen muss man sicher Durchhaltevermögen, Ehrgeiz, Zielvorstellung und natürlich Tools für Fairness. Aber was sicher ganz schwierig ist zum Entwickeln, ist eben dieses Durchhaltevermögen. Wenn zum Beispiel eine Verletzung da ist, dass du siehst, ich komme wieder zurück, ich kämpfe mich wieder zurück. Das ist sicher etwas vom Schwierigsten.
MB: Du hast jetzt die Zielvorstellungen neben dem Durchhaltevermögen erwähnt. Wie stelle ich mir das vor? Wie wird ein Ziel in dir manifest oder innerlich? Wie machst du das?
NH: Ich habe immer zwei Höhepunkte gehabt im Jahr. Das erste war die Europameisterschaft. Da haben wir immer das Ziel gesetzt, unter die ersten drei bei den Europameisterschaften zu kommen. Und dann war das nächste Ziel bei den Weltmeisterschaften, zum Beispiel unter die ersten fünf zu kommen. Ohne Ziel ist es im Sport schwierig, weil – für was trainierst du denn überhaupt? Du brauchst schon eine Zielvorstellung. Wo will ich hin? Was will ich erreichen? Sonst ist das schwierig. Für was trainiere ich sonst jeden Tag? Das Ziel muss schon da sein. Ehrgeiz bedeutet für mich, dass du über deine Grenzen – das, was du dir eigentlich nicht zutraust – dass du über diese Grenzen hinausgehen kannst.
MB: Was heißt das jetzt in deinem Fall?
NH: Dass du zum Beispiel, wenn du schon hundskaputt bist im Training, einfach zu dir selber sagst, okay, und jetzt mache ich zum Beispiel noch diese oder jene Übung, damit ich noch besser werde. Und der Ehrgeiz, dass ich noch härter und noch intensiver trainiere wie meine Gegnerinnen. Ich war zum Beispiel jemand, der am 24. Dezember eine Stunde mit meinem Vater in die Ringerhalle gegangen bin, weil ich gesagt habe, okay, am 24. trainiert sonst niemand. Oder am 1. Jänner.
Da haben wir schon wieder einen Vorsprung, den anderen gegenüber.
MB: Ja, es ist so interessant, weil es geht dann um den Vorsprung, den anderen gegenüber. Aber gleichzeitig hast du dich dann mit diesen Menschen, die deine Gegnerinnen waren, befreundschaftet. Magst du noch zum Ehrgeiz ein bisschen weiter assoziieren?
NH: Ja, was natürlich auch im Ehrgeiz ganz wichtig ist, dass du natürlich auch einen Trainer oder eine Trainerin hast, die das Gleiche wollen wie du. Weil wenn du die Person, die dich trainiert, nicht hinter dir hast und dich pusht auch, dann ist das natürlich oft nicht möglich. Weil du irgendwann als Athletin sagst, nein, ich bin jetzt müde. Und da kommt dann natürlich die Rolle vom Trainer oder der Trainerin ganz extrem in die Position. Und ich glaube, das macht den Erfolg schlussendlich aus, dass das Gespann einfach funktioniert. Also das braucht schon eine ähnliche Beziehung zwischen Trainer*in und Athlet*in.
MB: Das ist super, dass du das sagst, dass du die Trainerin auch in den Ehrgeiz mitgenommen hast. Zu deiner jetzigen Profession als Lehrerin wollte ich fragen, wie integrierst du deine sportlichen Erfahrungen und Erkenntnisse in deinen jetzigen Alltag und Beruf?
NH: Also ich versuche ihnen eigentlich immer beizubringen, im Sport sind natürlich viele Wettkampfspiele. Und da gibt es natürlich immer auch sehr extrem ehrgeizige Kinder, die nicht so gut verlieren können. Und da probiere ich ihnen eigentlich immer mitzugeben, dass Sport eben Spaß machen sollte, vor allem in der Schule, dass es wichtig ist, dass eigentlich ein guter Sportler oder eine gute Sportlerin nur so jemand ist, der auch verlieren kann, der danach wieder aufstehen kann, der den anderen die Hand geben kann. Einfach die sozialen und empathischen Aspekte. Ja, und dass einfach Sport Freude machen sollte.
MB: Wie reagieren deine Schüler*innen auf deine sportliche Vergangenheit? Wissen die davon irgendwas?
NH: Die wissen immer alles. Die sind total stolz, immer noch, was mich immer noch verwundert nach all den Jahren. Also da kommen die Erstklässler immer noch und sagen, wir haben sie auf YouTube gesehen. Ich warte eigentlich immer auf den Moment, bis man mich nicht mehr kennt, aber bis jetzt ist es noch nicht so gewesen. Und mich freut es natürlich immer auch, wenn ich das Leuchten in ihren Augen sehe, wie stolz sie sind, dass ich jetzt ihre Turnlehrerin bin.
MB: Wie hat sich im Laufe der Jahre der Fokus und Blick auf den Sport verändert?
NH: Ja, der Fokus und Blick hat sich eigentlich nicht verändert. Die Position von mir selber hat sich verändert. Damals war ich Spitzensportlerin, heute bin ich Familienmensch und Lehrerin. Ich sage immer, ohne Sport kann ich mir nicht vorstellen zu sein oder zu leben. Ich brauche Bewegung, ich brauche auch das Messen irgendwie. Also das ist in mir drinnen, das werde ich mein ganzes Leben wahrscheinlich nicht ablegen können. Und da werde ich oft von meinen Freund*innen ausgelacht, die immer sagen, kannst du das jetzt nicht lockerer sehen? Und nein, kann ich nicht. Ich will einfach die Beste sein. Also dieser Fokus, die Beste zu sein, hat sich sicher nicht verändert im Sport.
MB: Liebe Niki, das ist ein super Abschlusssatz. Ich danke dir für unser Gespräch.