„Man braucht extrem viel Willenskraft. Es gibt viele Hürden zu überwinden, und du musst auf Kurs bleiben, sonst wird das nie etwas. Durchhaltevermögen ist das Allerwichtigste.“ Ein Gespräch mit dem NFL-American-Football-Spieler und ehemaligen Schüler des Ballsportgymnasiums.
Podcast: 1. PREIS [für mögliche, nicht messbare Qualitäten]
Folge 11 — Bernhard Raimann
Bios
Bernhard Raimann
Bernhard Raimann ist ein österreichischer American-Football-Spieler auf der Position des Offensive Tackles. Raimann schloss sich mit 14 Jahren den Vienna Vikings an, wo er die Grundlagen für seine spätere Karriere legte. Er spielte College Football für die Central Michigan University und wurde im NFL Draft 2022 in der dritten Runde von den Indianapolis Colts ausgewählt. Heute ist er Stammspieler bei den Indianapolis Colts und zählt zu den besten Left Tackles der Liga. Er ist ein ehemaliger Schüler des Ballsportgymnasiums.
Lesestoff
- https://www.derstandard.at/story/3000000281445/bernhard-raimann-der-100-millionen-dollar-kasten-aus-dem-burgenland
- https://football-austria.com/bernhard-raimann-von-wien-in-die-nfl/
- https://www.football-world.news/artikel/wer-ist-bernhard-raimann-weg-in-die-usa-nfl-karriere-vertrag-bei-den-colts-1162914
Transkript
Miriam Bajtala (MB): In dieser Folge treffe ich Bernhard Raimann. Er ist ein österreichischer American Football Spieler, Topverdiener, Sportstar. Er spielt bei den Indianapolis Colts in der NFL, der National Football League, einer Profiliga im American Football. Bernhard und ich haben im Mai 2025 miteinander gezoomt. Ich habe dann unser Gespräch geschnitten und aufbereitet. Und here we go.
Lieber Bernhard, für mich hat American Football sowas ganz wildes, martialisches, kriegerisches auch. Dadurch, dass die Spieler in ihren Monturen schwer erkennbar sind, wirken sie abstrahiert und comichaft, schauen wie Computerspielfiguren aus, die gegeneinander antreten, um zu gewinnen. Welche Faszination an American Football hat dich zu diesem Sport gebracht?
Bernhard Raimann (BR): Diese Athleten, die auf dieser Spielebene einfach aufeinandertreffen und gemeinsam das andere Team versuchen zu besiegen. Das hat mich auf jeden Fall ursprünglich zu dem Sport gezogen. Aber je mehr man sich mit dem Football beschäftigt, desto mehr versteht man eigentlich die ganzen Strategien dahinter, das ganze Training, das dazukommt. Und dann merkt man eigentlich erst, wie viele Facetten dieser Sport eigentlich hat.
MB: Das heißt, du bist so ganz unschuldig zu American Football gekommen und warst einfach fasziniert von diesem Sport?
BR: Ja, auf jeden Fall. Als ich damals zu dem Vienna Vikings Tryout gekommen bin, hatte ich wirklich keine Ahnung über irgendwelche Regeln. Das hat sich dann eigentlich über die Jahre einfach Schritt für Schritt entwickelt.
MB: Was hast du mitgebracht, um ein Profisportler zu werden?
BR: Na ja, einerseits hilft es natürlich groß zu sein. Natürlich braucht man extrem viel Willenskraft. Da hat man so viele Hürden, die man überwinden muss. Und wenn man da nicht auf seinem Kurs bleiben kann, wenn man da abgelenkt wird, wird es nie was. Also das Durchhaltevermögen ist das Allerwichtigste.
MB: Ja, und sicher auch Talent, nehme ich an.
BR: Natürlich ist ein gewisses Talent wichtig, aber ohne das Durchhaltevermögen, hätte ich mich nie so schnell darauf vorbereiten können auf die NFL.
MB: Ich habe mich als Vorbereitung für das Interview versucht, mit den Regeln von American Football vertraut zu machen. Laut Wikipedia ist der Grundgedanke des Spiels, Raum zu gewinnen, also zu expandieren. Es gibt eine Unzahl an Regeln, viele Begriffe und es gibt für jedes Spiel quasi einen Masterplan. Wie bist du in diesen Masterplan des Spiels involviert?
BR: Ja, also in dem Masterplan für das ganze Spiel bin ich persönlich als Offensive Lineman hauptsächlich für den Schutz vom Quarterback zuständig und auch einen Weg frei zu räumen für unseren Running back. Das ist die einfachste Variante, meinen Job zu beschreiben. Jedes Spiel hat eine ganz eigene Herausforderung, hat eine ganz eigene Strategie. Und deswegen, wenn man einen guten Trainer hat, stellen die einen dann auf jeden Gegenspieler ein. Die wechseln ihre Strategien dann passend zu dem anderen Team. Und das ist auch etwas, was man Woche für Woche wieder neu erlernen muss.
MB: Wie bereitet ihr euch dann auf den Gegner vor?
BR: Es werden pro Tag mindestens fünf Stunden nur vom Gegner analysiert, um einfach so die Chancen doch etwas zu erhöhen, dann erfolgreich zu sein und ein Spiel zu gewinnen.
MB: Wie schaut deine Tagesstruktur aus, beziehungsweise dein Alltag? Wie oft trainierst du? Wie läuft das ab? Könntest du mir die ganze Woche mal durchdeklinieren?
BR: Ja, also während der Saison ist man eigentlich in einem ziemlich strengen Wochenrhythmus drinnen. An einem Sonntag wird gespielt, entweder daheim oder auswärts. Wenn man auswärts gespielt hat, wird direkt nach Hause geflogen. Am Montag hat man Kraftkammer, ein bisschen Lauftraining, Videoanalyse mit den Coaches. Es werden alle Fehler analysiert vom Spiel. Und dann, die letzte Stunde ungefähr von dem Tag, wird auf Vorbereitung schon für den nächsten Gegner verwendet. Dann hat man noch Physiotherapie und dann kann man auch nach Hause gehen am Montag. Dienstags ist Ruhetag, man hat also nur Physiotherapie in der Früh. Und Mittwoch hat man dann den ganzen Tag Kraftkammer in der Früh. Man hat dann die Meetings, die ganzen Vorbereitungen auf den Gegenspieler. Dann hat man Training, dasselbe dann Donnerstag, Freitag genauso. Samstag hat man dann nochmal ein leichteres Training, wo man nochmal die Strategien durchspielt. Wenn man ein Auswärtsspiel hat, wird man abgeholt von der Trainingsanlage, wird zum Flughafen gebracht. Man fliegt, schläft im Hotel, spielt am Sonntag wieder und dann fängt das Ganze wieder von vorne los. Und so ist das dann wirklich das ganze NFL-Jahr durchstrukturiert. Und da ändert sich auch nicht wirklich was.
Dann nach der Saison hat man eine gewisse Zeit frei, persönlich entweder auf Urlaub zu gehen. Diverse Operationen oder so durchzuführen. Und dann bereitet man sich schon wieder vor auf die nächste Saison.
MB: Und wie ist es dann, weil du gesagt hast, jetzt in der On-Season, wenn ihr euch als Team trefft, spielt ihr dann quasi nicht miteinander, sondern ihr analysiert vor allem? Diese Videoanalysen, die passieren, dann mit allen Spielern oder wie?
BR: Wenn man tagsüber auf der Trainingsanlage ist, also besonders jetzt Mittwoch, Donnerstag, Freitag, die längeren Arbeitstage, da wird gemeinsam am Feld geübt, an sich trainiert man nur für zwei Stunden. Dann in der Kraftkammer ist man für eine Stunde. Also es sind nur drei Stunden pro Tag. Die restliche Zeit wird wirklich in Meetings gemeinsam verbracht, um sich auf den Gegner vorzubereiten. Und zum Großteil bereitet man sich dann eben auf die Strategien vor, wie der Gegenspieler erwartet wird zu spielen.
MB: Wie viele Trainer gibt es im Team und hast du da besondere Bezüge zum einen oder gibt es Vertrauenstrainer?
BR: Der Trainerstab an sich, das sind wahrscheinlich 20 Leute ungefähr. Also jede Position hat den eigenen Trainer und dann noch einen Assistenztrainer. Das summiert sich dann schon auf. In meinem Fall zum Beispiel, ich spiele auf der Offensive Line und wir haben dann eben unseren Offensive Line Coach und unseren Assistant Offensive Line Coach und wir verbringen einfach mit Abstand die meiste Zeit mit den beiden. Und deswegen entwickelt sich dann natürlich auch eine persönliche Beziehung, die tiefer geht als meine Beziehung mit einem von den Defensive Coaches, zum Beispiel.
MB: Und wie viele seid ihr mit den Coaches beim Training?
BR: Während der Saison sind wir 70 Spieler, die mit unseren Coaches trainieren. In meinem Fall, ich spiele Offensive Line, haben wir ungefähr zwölf Leute auf unserer Position. Wir, zwölf, verbringen die meiste Zeit miteinander und unser Offensive Line Coach ist zuständig für uns und was wir dann da draußen machen.
MB: Sprich, die Teamkollegen spielen auch eine große Rolle?
BR: Die Teamkollegen spielen eine größere Rolle als alle anderen Menschen, weil du einfach so viel Zeit mit ihnen verbringst. Also tagsüber weicht man sich kaum von der Seite. Man verbringt ja wirklich den ganzen Tag gemeinsam. Man isst gemeinsam, man hat Physiotherapie gemeinsam, man geht in die Kraftkammer gemeinsam, man trainiert gemeinsam, man schaut Film gemeinsam. Das ist eine lange Zeit, die man gemeinsam verbringt und dann findet man auch echt gute Freundschaften dort.
MB: Wie übersetzt du eigentlich dieses Wissen, was du gelehrt bekommst, in deinen Körper? Wie machst du das?
BR: Ich glaube, der einzige Weg, wenn man etwas lernt auch zu verinnerlichen, ist einfach mit Übung, mit Wiederholung. Weil ansonsten, wenn man dann am Spielfeld draußen steht, bei einem richtigen Spiel, kann man sich nicht immer genau daran erinnern, was der Coach mal gesagt hat oder wie du das eben genau richtig machen sollst, sondern dann fällt man wirklich auf die Reflexe zurück und einfach auf deine Routine zurück. Wenn du oft trainierst, wenn du die richtigen Dinge trainierst, dann kannst du dann auch deine Aufgaben so durchführen, wie du es einfach gewöhnt bist vom Training. Und ich glaube, dass das der einzige Weg ist, dann auch am Spielfeld im vollen Stadion auch erfolgreich zu sein. Dass du einfach das Gelernte dann so verinnerlichst durch das Training, dass dein Körper einfach aus Reflex heraus diese richtige Arbeit abrufen kann.
MB: Zum Thema Leistungsdruck wollte ich auch fragen, wie gehst du mit den hohen Anforderungen an dich um?
BR: Ja, ist natürlich immer schwierig, weil dieser Leistungsdruck, den hat man einfach immer. Es ist ein Beruf, der sehr, sehr begehrt ist. Jede Woche gibt es Leute, die entlassen werden und neu angestellt werden. Bei der Garderobe ist es ein ständiges Kommen und Gehen. Also da wird eingeräumt, dann wird der Spind wieder ausgeräumt, weil der Nächste schon wieder kommt. Für den Leistungsdruck an sich ist es für mich persönlich immer ganz wichtig, einfach die Verbindung daheim zu finden, mit Familie, mit Freunden, Frau und Kind. Dadurch, dass ich eine sehr, sehr gute Community habe, geht das eigentlich alles.
MB: Wie bist du mit Verträgen gebunden? Kannst du rausgeworfen werden? Beziehungsweise wie lange gehen diese Verträge?
BR: Also die meisten Verträge in der NFL, besonders für die Neuankömmlinge, sind normalerweise drei bis fünf Jahre. Die genauen Details sind immer unterschiedlich, aber in den meisten Fällen sind diese Verträge immer so ausgelegt, dass sie auch jeder Zeit eliminiert werden können. Das heißt, man kann jederzeit entlassen werden und man wird sofort seinen Beruf und sein Gehalt verlieren. Und deswegen ist auch dieser Leistungsdruck so hoch, weil entweder verdient man gut oder man wird am nächsten Tag entlassen und verdient gar nichts mehr. Also manche Verträge, besonders wenn man dann zu den älteren Spielern kommt, haben dann teilweise mehr Ausstiegsklauseln drinnen, wo dann doch noch ein bisschen was gezahlt wird. Aber die meisten Verträge für Neuankömmlinge in der NFL sind sehr einseitig, würde ich mal sagen. Also die werden sofort aufgelöst, wenn man entlassen wird. Und dann auch innerhalb von der NFL gibt es Leute, die es für drei Tage schaffen und dann gibt es Leute, die seit 15 Jahre spielen. Aber ich persönlich versuche mich dann auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, das zu genießen, während ich es noch kann. Ich lasse das alles noch offen, ich lasse das auf mich zukommen.
MB: Hast du eigentlich ein Arbeitsvisum oder die Green Card?
BR: Ich bin auf das Arbeitsvisum noch eingewiesen. Das Arbeitsvisum ist aber natürlich auch mit dem Beruf verbunden. Wie erwähnt, wenn man da entlassen wird, verliert man das Arbeitsvisum innerhalb von 60 Tagen und deswegen versuche ich jetzt gerade auf die Green Card umzuwechseln. Man muss sie aber trotzdem noch beantragen und in dieser Beantragungszeit, die eineinhalb Jahre dauern kann, kann man dann das Land nicht mehr verlassen. Das ist immer ganz schwierig, aber wir machen das schon.
MB: Du hast ja das Ballsportgymnasium absolviert. Warst du da schon in einer Mannschaft oder wie bist du dorthin gekommen? Wie war die Entscheidung für das Ballsportgymnasium?
BR: Das ging eigentlich relativ schnell bei mir, weil ich angefangen habe, Football zu spielen bei den Vienna Vikings. Und dann, ich glaube im Jahr darauf, habe ich mich schon auf die Schule angemeldet. Es hat sich richtig angefühlt und es hat mir einfach getaugt von der Strukturierung her, dass man am Vormittag trainieren kann, dann Schule hat, dann am Abend nochmal Training hat mit den Vienna Vikings. Natürlich gibt man ziemlich viel Freizeit her dafür, aber es hat mir einfach am meisten Spaß gemacht und deswegen hat es mir auch besser gefallen, als die gewöhnliche Oberstufe.
MB: Du weißt ja, ich habe für das Ballsportgymnasium eine mehrteilige Arbeit entwickelt mit dem Titel 1. Preis für mögliche, nicht messbare Qualitäten, von der auch dieser Podcast ein Teil ist. Jetzt die letzte Frage an dich. An wen würdest du einen Preis vergeben, unabhängig von Leistung? Wen möchtest du honorieren?
BR: Als allererstes würde mir meine Frau einfallen. Wir haben dieses Jahr unsere Tochter bekommen und meine Frau ist einfach durch so viel, emotional, physisch, durchgegangen, dass es einfach ein Wahnsinn ist, was man auch eben in der Außenwelt nicht immer so sieht. Die Stärke, die sie hat und die sie auch mir noch weitergeben kann und auch in unsere Familie steckt. Es ist auch etwas, das man nicht unbedingt messen kann, aber so, so wichtig ist für uns alle.
MB: Liebe Bernhard, danke vielmals, dass du dir für unser Gespräch Zeit genommen hast und ich wünsche dir alles Gute.