„Lieder, Sprüche, Choreografien, Banner, Gesten, Rituale, Farben, Gerüche – all das ist eine Art Poesie von unten. Eine Sprache, mit der Fans sich selbst und ihren Verein inszenieren. Was bedeutet Fan-Sein im Sport? Wie haben sich Fankulturen entwickelt?“ Ein Gespräch mit Georg Spitaler, ehemaliger Mitherausgeber des Fußballmagazins ballesterer.
Podcast: 1. PREIS [für mögliche, nicht messbare Qualitäten]
Folge 10 — Fan-Sein im Sport
Bios
Georg Spitaler
Georg Spitaler ist Politologe und Historiker. Er ist am Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung (VGA) tätig, einem politischen Archiv und Forschungszentrum, und lehrt als Privatdozent am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen neben Arbeiter*innengeschichte und Politischer Theorie auch Fragen des Politischen im Sport. Er ist u. a. Mitherausgeber von „Sport und Feminismus. Gesellschaftspolitische Geschlechterdebatten vom Fin de Siècle bis heute“ (Frankfurt/New York 2025). Von 2002 bis 2023 war er Mitherausgeber des Fußballmagazins ballesterer.
Zahlreiche Publikationen zu den Forschungsschwerpunkten Arbeiter*innengeschichte, Politische Theorie und Cultural Studies, Fragen des Politischen im Sport.
Transkript
Miriam Bajtala (MB): Lieber Georg Spitaler, du bist Historiker, ehemaliger Mitherausgeber des Fußballmagazins ballesterer und ein Fußballfan. Jetzt ist diese Schule, das neue Ballsportgymnasium, genau gegenüber der Generale Arena entstanden, der Austria Wien Homebase. Da finde ich es ganz wichtig, auch ganz grundsätzlich über das Fan-sein in diesem Podcast zu sprechen. Wie bist du ein Fan geworden?
Georg Spitaler (GS): Es gibt eine lange Fußballleidenschaft, die aber vor allem eine Fanleidenschaft ist, die auch ganz klassisch für Österreich in den 1970er und 1980er Jahren sich einerseits über TV-Konsum definiert hat. Fernsehen war damals das Schlüsselmedium in Österreich. Fußballspiele, Fußballübertragungen, die samstägliche Fußballsendung war das, was sehr viele Leute angesehen haben.
So eine klassische Frage in der Schule bei uns damals war, bist du Rapid oder Austria? Da musste man sich dann zuordnen, definieren und möglichst die richtige Antwort geben, je nachdem, wer das Gegenüber war. Das war schon recht präsent, damals, die Fußballvereine aus der Stadt und das Fantum. Das hat sich dann bei mir ziemlich gelegt. Als Teenager, das ist auch klassisch, da sind andere Themen interessant geworden, Musik beispielsweise. Als Student habe ich dann wieder angefangen, zum Fußball zu gehen. Der Stadionbesuch war schon noch wichtig und auch schon als Kind, weil meine Großeltern beim damaligen Weststadion in Hütteldorf gewohnt haben. Da konnte man die letzte Viertelstunde immer gratis ins Stadion reingehen. Da war ich mit meinem Großvater öfters dort. Und vor allem vom Balkon der Wohnung, wo sie gewohnt haben, konnte man zuhören bei den Spielern. Das war sehr aufregend. Als Student kam dann der Punkt, wo eine theoretische oder politikwissenschaftliche Beschäftigung mit dem Sport begonnen hat. Ich habe dann meine Dissertation geschrieben zu einem sportpolitischen Thema. Das ist deshalb so gewesen, weil meine damalige Betreuerin gesagt hat, willst du nicht deine eigene Leidenschaft mal überlegen, warum das so ist und was das bedeutet und warum das überhaupt generell bedeutend oder wichtig ist, kulturell. Das war eigentlich der Auslöser und Ausgangspunkt für unterschiedlichste Projekte, die ich danach gemacht habe und die aber immer so im weitesten Sinn sich mit dem Verhältnis von Sport und Politik beschäftigt haben.
MB: Du warst Mitherausgeber des Fußballmagazins ballesterer, wie ich schon erwähnt habe, ziemlich lang, über 20 Jahre. Magst du darüber etwas erzählen?
GS: Also ich war jetzt nicht der Gründer dieses Magazins. Das wurde eigentlich gegründet als Fanzine, also eben als eine Zeitschrift, die von Fans gegründet wurde. Das waren damals Publizistikstudenten um das Jahr 2000. Ich bin dann ein, zwei Jahre später dazugekommen. Wir hatten damals das Gefühl, es fehlt sowas. Es gab eigentlich nicht dieses mediale Forum, wo man einerseits Fanthemen diskutieren kann. Das war die Zeit, es gab schon das Internet, aber es war lange nicht die Form, wie das heute funktioniert. Also das war uns wichtig, so eine Fanperspektive in die Medienwelt reinzubringen, weil wir auch den Eindruck gehabt haben, dass die Art und Weise, wie bei Fans berichtet wurde, sehr Stereotyp war, meistens negativ. Viele Fußballfans waren in den 1990er Jahren zunehmend auch Leute, die aus klassischen bürgerlichen Milieus kamen, die studiert haben.
Wichtig ist zu sagen, dass uns bestimmte Themen wichtig waren im Sport, wo wir das Gefühl hatten, die werden auch wenig behandelt. Also zum Beispiel haben wir damals in dem Fußballmagazin dann angefangen, Texte zu schreiben über die Geschichte des Fußballs im Nationalsozialismus in Österreich. Da war viel noch nicht erforscht und wir waren dann plötzlich diejenigen, die dann auch die Studien zu diesen Themen gemacht haben. Zum Beispiel war ich dann beteiligt an einem Buch über Rapid Wien im Nationalsozialismus. Und das war eigentlich eine super Erfahrung, weil wir haben da sehr stark auch mit der Fanszene des Vereins zusammengearbeitet. Wir haben damals dann auch ein Museum dort gegründet. Und das war extrem gut, weil wir das Gefühl hatten, dass das, was wir da machen, und auch dieser kritische Blick auf die Geschichte sehr gut angenommen wurde. Das war ein super Erlebnis, würde ich sagen.
Und sonst ist es halt generell so, dass Sport natürlich schon ein Mittel ist, gerade Fußball, wo du mit sehr, sehr unterschiedlichen Menschen sehr schnell in Kontakt kommst. Und auch wenn du sehr unterschiedlich bist, aus ganz unterschiedlichen sozialen Milieus kommst, bin ich da, also auch im Stadion oder wenn ich Interviews gemacht habe mit Fußballern, mit Funktionären usw., lernt man viel über Gesellschaft, weil du einfach mit ganz anderen Menschen in Kontakt kommst und irgendwie auch versuchen musst, mit den Leuten eine Ebene zu finden, ins Gespräch zu kommen.
Und es gibt sicher auch Themen, wo man sich ganz und gar nicht einig ist, aber wo man trotzdem versucht, eher sozusagen anzuknüpfen an dem, wo man vielleicht doch was gemeinsam hat. Okay, das ist der Fußball natürlich, aber man kann über den Fußball dann breitere Themen diskutieren, wie eben zum Beispiel, warum Rassismus im Fußball einfach nicht gut ist und wie man das anders machen kann. Also das ist, glaube ich, etwas, was man im Sport lernt.
Man kriegt einen gewissen Querschnitt durch die Bevölkerung mit vielen, die da fehlen, aber schon die, die da sind, sind sehr vielfältig und das war eine spannende Erfahrung.
MB: Mich interessiert diese Art Poesie von unten, sprich die Lieder, Sprüche, Choreografien, Banner, Gesten, Rituale, Farben, Gerüche, die bei Sportevents benutzt werden. All das ist eine Sprache, mit der Fans sich selbst und ihre Vereine inszenieren, jetzt vom Arbeiterinnen-Fan bis zur kommerzialisierten Eventbesucherin. Wie haben sich Fankulturen entwickelt? Welche ideale Rituale, Codes werden da vermittelt?
GS: Das unterscheidet sich je nach Sportart, würde ich sagen. Also es gibt Sportarten wie vor allem der Fußball, wo es eben diese Ebene des Vereins gibt, der Clubs gibt und wo es seit den 1920er Jahren im Prinzip in Wien wie auch in vielen anderen Städten Europas für Zuschauer und Zuschauerinnen dieser Vereine das, was da passiert, etwas mit innen zu tun hat. Das war eine Zuschauerkultur, die sehr männlich geprägt war, die auch sehr proletarisch geprägt war, wie die Spieler ja auch. Also die meisten Spieler, die am Feld zu sehen waren, ab dem Zeitpunkt, wo Geld bezahlt wurde, waren vor allem junge Männer aus der Arbeiterschicht. Der Fußball hat aber schon damals auch Intellektuelle und das Bürgertum angezogen, gerade deshalb, glaube ich, weil da eben ganz bestimmte, muss man sagen, so auf den ersten Blick, raue, proletarische Männlichkeitsbilder zu finden waren oder sozusagen Dinge passiert sind auf den Tribünen, die zum Beispiel auch Kinder und Jugendliche aus bürgerlichen Familien angezogen hat. Also das gibt es seit den 20er Jahren.
Das, wie wir heute Fankulturen wahrnehmen und kennen, entwickelt sich dann eigentlich später, nämlich ab den 1960er Jahren, wo Fußball-Fantum sich ganz stark mit jugendkulturellen Formen verknüpft. Also die 50er, 60er Jahre sind ja generell die Zeit international in den USA, in Westeuropa, wo das entsteht, was wir sozusagen Jugendkultur des 20. Jahrhunderts nennen würden, also über Musik, über bestimmte andere kulturelle Formen wie Kino, aber wie nicht zuletzt eben auch Fußball-Fantum. Und die bekanntesten sind sicherlich die in Großbritannien gewesen. Italien ist dann ein anderes Beispiel und das waren eigentlich dann die zwei dominierenden Modelle, die seit diesem Zeitpunkt eigentlich sich verbreiten, wiederum in ganz Europa. Das Interessante daran ist sicher, dass das eine selbstorganisierte Kultur ist, also die auch zum Teil durchaus recht unabhängig von den Clubs selber entsteht.
Es gab damals schon so etwas wie offizielle Fanklubs, die praktisch vom Verein gegründet wurden, aber diese jugendlichen Fankulturen sind welche, die meistens eben autonom stattfinden, die auch dann ihre eigenen Ausdrucksformen entwickeln. Die Dinge, die da ins Stadion gebracht werden, die bringt man selber mit, seien es die Schals, am Anfang, sei es, später dann, irgendwelche Doppelhalter, Transparente. Ja, es gibt auch eine lange Tradition und Geschichte, was es für Verbindungen gibt, zum Beispiel zur Musikkultur, also welche Lieder werden im Stadion gesungen, wo kommen die Melodien eigentlich her, wo kommen die Texte her.
Es gibt eine Verbindung zu politischen Kämpfen der 60er- und 70er-Jahre, vor allem in Italien. Also die Ultrakultur, wie wir sie bis heute kennen, hat auch starke Verbindungen gehabt zur Protestkultur Italiens der 70er-Jahre. In Österreich ist es so, dass das sehr schnell aufgegriffen wird, also ab den späten 60er-Jahren gibt es Erzählungen, wie sich die Stadien verändern.
In den 70er-Jahren gab es die Kuttenfans, also die mit den Jeansjacken und den Aufnähern, und die sich vor allem so orientiert haben an englischen Ausdrucksformen, auch dem Hooliganismus, also Gewalt hat auch eine Rolle gespielt, bis in die Gegenwart; Auch rechtsextreme politische Gruppierungen, wo man sich über bestimmte Männlichkeitsideen zum Beispiel getroffen hat, über Nationalismus. Die Ultrakultur kommt in Österreich in den späten 80er-Jahren an, mit ganz spezifischen Ausdrucksformen, also es gibt einen Vorsänger, der sozusagen die Tribüne adressiert, die halt dann Dinge, die Gesänge, Sprechchöre artikulieren, die er sozusagen vorsagt. Also die Ultrakultur, die auch sehr stark mit visuellen Formen arbeitet, mit Pyrotechnik, mit Bannern, mit Fahnen. Das kommt aus der Jugendkultur.
Jugendkulturen haben immer etwas Provokatives, weil sie sich sozusagen gegen eine Erwachsenenkultur positionieren, weil sie sich auch gegen Autoritäten positionieren, wie den Staat, der sich sozusagen im Stadion in erster Linie durch die Polizei äußert. Sie haben damit immer auch etwas Grenzüberschreitendes. Ich habe schon das Thema Gewalt erwähnt. Das macht sie auch widersprüchlich und unberechenbar. Ich würde sagen, Jugendkulturen beinhalten so etwas wie Expertentum/ Expertinentum. Leute investieren sehr, sehr viel Zeit darin, kennen sich sehr gut aus, sind sehr kreativ in den Formen ihrer kulturellen Praxis. Das macht es, glaube ich, spannend. Sie handeln auch sehr viele politische Fragen aus – also Fragen von Demokratie spielen eine große Rolle innerhalb der Gruppen. Die ist dann oft nicht so hoch, die Demokratie, weil das oft recht hierarchische Strukturen sind, aber auch dann innerhalb der Vereine, also sozusagen, welchen Einfluss haben Fans innerhalb der Clubs, wo ich sagen würde, dass die Rolle dieser Fangruppen oft eine durchaus progressive ist, weil sie eine demokratische Mitbestimmung einfordern, die gerade in dem, was Fans oft als den modernen Fußball titulieren, dem sie einerseits folgen, den sie andererseits aber auch ablehnen und wo diese demokratische Mitbestimmung sehr stark ausgehebelt wurde im Hinblick auf andere Eigentumsverhältnisse, die eben sehr stark über Konzernstrukturen oder über Einzelpersonen funktionieren, denen ein Verein dann gehört.
Da hat es in den letzten 20, 30 Jahren viele Konflikte über diese Frage gegeben, wem der Fußball gehört, und Fans haben da eine sehr aktive Rolle gespielt dabei.
MB: Danke, Georg, für Deine Stimme als Fußballfan in diesem Podcast. Auch finde ich es spannend, dass Du die Komplexität des Fan-seins reflektiert hast und, zum Teil, auch historisch beleuchtet hast. Diesbezüglich gibt es noch viel mehr zu sagen. Das ist mal ein Anfang. Ich danke Dir für das Gespräch.