Podcast: 1. PREIS [für mögliche, nicht messbare Qualitäten]
Folge 1 — Unsere Sieger*innen

„Es könnte eine Person ausgelost werden, um zu überlegen, wofür diese einen Preis verdient hat. Denn jede Person zeichnet etwas aus, und das Los wäre dafür zuständig, auf wen wir unsere Aufmerksamkeit richten.“ Eine Sammlung von Antworten einiger Podcastgäst*innen auf die Frage: „Wenn du einen Preis vergeben könntest, der unabhängig von Leistung ist – welcher wäre das?“

Länge:
10:24 min
Sprache:
Deutsch
Konzept und Realisierung:
Miriam Bajtala

Bios

Nikola Staritz

Nikola Staritz betreut bei fairplay, einer Initiative für Antidiskriminierung im Sport, nationale und internationale Projekte zu Antidiskriminierung, Antihomophobie sowie Frauen & Mädchen im Sport mit Schwerpunkt Breitensport. Zudem forscht, publiziert und referiert sie zu Sportkultur und Geschlechterverhältnissen und arbeitet in verschiedenen sportpolitischen Gremien mit. 2017 gründete sie den Mädchenfußballverein ASK Erlaa Torpedo 03, heute einer der größten Mädchenvereine Wiens mit über 200 Spielerinnen, den sie bis heute leitet und wo sie als Fußballtrainerin tätig ist. Seit 2020 ist sie Vorstandsmitglied der Ombudsstelle Fußball für alle und seit 2025 zuständig für den Wiener Mädchennachwuchs im Frauenausschuss des Wiener Fußballverbands.

Lesestoff

Helen Ahner

Helen Ahner ist Kulturwissenschaftlerin und Alltagshistorikerin. Sie ist Assistenzprofessorin am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien mit einem Schwerpunkt auf materieller Kultur. Davor hat sie in Tübingen und Berlin studiert und geforscht. In ihrer Forschung befasst sie sich mit der kulturellen Verhandlung und Produktion von Körpern, Gefühlen, Erfahrungen und Dingen. Aktuell arbeitet sie an einer Kultur- und Geschlechtergeschichte des Ehrgeizes im Sport. Als Handballerin hat sie außerdem viel Zeit in Sporthallen verbracht und ganz unterschiedliche Erfahrungen mit dem Gewinnen, aber auch mit dem Verlieren gesammelt.

Lesestoff

Werner Scharf

Werner Scharf ist der Gründungsdirektor des Wiener Ballsportgymnasiums (2013 bis 2025) und war von 2005 bis 2024 Berater des Vorstandes und des Präsidiums der Wiener Austria.

  • 2024: Ernennung zum Hofrat durch den Bundespräsidenten
  • 2000–2012: Professor für Mathematik, Informatik und Geometrie
  • 1994–1998: General Manager eines internationalen Bildungsinstitutes (Wien – San Francisco – Boston)
  • 1985–2005: Lehrer*innen Aus- und Weiterbildner für AHS – und APS
  • 1984–1994: Professor an verschiedenen Wiener Gymnasien

Petra Sturm

Petra Sturm ist Autorin, Journalistin und Expertin für Frauensportgeschichte mit Fokus auf Radsport. Sie ist u. a. Mitherausgeberin von „Sport und Feminismus. Gesellschaftspolitische Geschlechterdebatten vom Fin de Siècle bis heute“ (Frankfurt/New York 2025) und „Warum feiern. Beiträge zu 100 Jahren Frauenwahlrecht“ (Wien 2018) sowie Autorin der Graphic Novel „Cenzi Flendrovsky. Eine Bicycle Novel“ (Wien 2023). Zahlreiche Arbeiten an der Schnittstelle von künstlerischer Forschung, Gesellschaft, Kommunikation & Vermittlung.

Lesestoff

Georg Spitaler

Georg Spitaler ist Politologe und Historiker. Er ist am Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung (VGA) tätig, einem politischen Archiv und Forschungszentrum, und lehrt als Privatdozent am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen neben Arbeiter*innengeschichte und Politischer Theorie auch Fragen des Politischen im Sport. Er ist u. a. Mitherausgeber von „Sport und Feminismus. Gesellschaftspolitische Geschlechterdebatten vom Fin de Siècle bis heute“ (Frankfurt/New York 2025). Von 2002 bis 2023 war er Mitherausgeber des Fußballmagazins ballesterer. Zahlreiche Publikationen zu den Forschungsschwerpunkten Arbeiter*innengeschichte, Politische Theorie und Cultural Studies, Fragen des Politischen im Sport.

Transkript

Miriam Bajtala (MB): Diese Podcast-Folge heißt Erster Preis. Sie ist den Symbolen des Sieges gewidmet, die stellvertretend an Erste Preise erinnern. Jedoch sind diese Preise, nach denen ich mich hier erkundige, nicht die üblichen Gewinner*innenpreise. Es sind Preise, die für gewöhnlich nicht honoriert werden. Preise, die eine absurde, lustige, mögliche, nicht messbare Qualität würdigen, die nicht auf leistungsorientierte Kriterien bauen. Dazu findet ihr auch elf ausgewählte Vorschläge für Erste Preise in der Aula dieses Gebäudes an der Sichtbetonwand im Erdgeschoss. Auch die Pokalsockeln, die im Eingangsbereich an die Decke geschraubt sind, gehören dazu.
Einige der GesprächspartnerInnen, die euch eventuell schon in anderen Folgen begegnet sind, machen hier mit. Ich möchte mit Niki Staritz beginnen, die ich folgendes gefragt habe. Wenn du einen Preis vergeben könntest, der unabhängig von Leistung ist, was wäre wichtig für dich anzuerkennen?

Niki Staritz: Gesamtgesellschaftlich finde ich dieses Streben nach Perfektion schrecklich und wahnsinnig beängstigend. Ich würde gerne belohnen, das Streben nach Imperfektion und nach einem schönen Umgang mit Fehlern. Ich sage meinen Spielerinnen auch immer, bitte macht Fehler. Erstens wäre ich sonst arbeitslos, weil dann weiß ich nicht, wo ich nächste Woche trainieren soll, wenn ihr perfekt seid. Und zweitens ist Fußball ein Fehlersport. Wenn alle keinen Fehler machen würden, würde nie ein Tor fallen. Es geht darum, dass man andere dazu bringt, Fehler zu machen und der Unterschied, den ihr machen könnt, ist, wie geht ihr damit um? Passiert ein Fehler und ärgert es euch schrecklich oder verurteilt ihr eure Mitspielerinnen oder verurteilt euch selber und reflektiert dann zu viel … . Also nehmt es dann zu persönlich oder denkt ihr halt, Fehler gehören dazu. Ich akzeptiere den Fehler und hole mir den Ball wieder zurück und zwar sofort und schnell und alle gemeinsam. Das ist eine Haltung, die ich gerne belohnen würde.

MB: Erster Preis für einen schönen Umgang mit Fehlern.
Helen Ahner habe ich auch die gleiche Frage gestellt, welche Qualitäten sie würdigen möchte, die nicht leistungsorientiert sind.

Helen Ahner: Also ich finde eine Qualität, die ich total wichtig finde und die ganz schwer auch zu messen ist und deswegen sich vielleicht auch für diese Art von Preis besonders eignet, ist die Qualität von so einer Mischung aus Bedachtheit, Rücksichtnahme und den eigenen Standpunkt verlassen können und von dem abstrahieren können. Also so die Möglichkeit, dass man weiß, wer man ist und wo man ist, aber dass man auch bereit ist, sich davon zu verändern und verändern zu lassen. Also vielleicht ist es auch einfach nur Empathie.
Also so eine Bedachtheit, die für sich vielleicht auch darin äußert, dass ich nicht die erste bin, die eine Meinung hat und die die Entscheidung trifft und das ist ja was, was eigentlich oft nicht anerkannt wird, weil es halt oft nicht so hervortritt. Und dann finde ich Anfeuern auch was ganz Tolles. Anfeuern und loben. Also ein Preis fürs Anfeuern und loben. Das ist ein bisschen mehr down to earth, aber das ist etwas, was ich im Mannschaftssport als unfassbar wichtig empfunden habe und was auch was ist, wo ich sagen will, das habe ich da gelernt und ich habe auch gelernt, dass mir das richtig Spaß macht und dass das manchmal auch darum geht, dass man sich gegenseitig anfeuert und lobt und gar nicht so ums Gewinnen. Eine Ehrenmedaille für Klatschen und Schreien zum Anfeuern. Die hätte ich mir vielleicht verdient … ich habe einmal beim Berlin-Marathon zugeschaut und da stand ich drei Stunden da und es hat mir so viel Freude gemacht, da einfach diese Menschen anzufeuern. Ich habe mich heiser geschrien und meine Hände wund geklatscht, weil das so was Schönes war, einfach dabei zu sein. Und ich habe das auch bei meinen Kids erlebt, die ich trainiert habe, dass die auf der Bank oft die waren, die am meisten Energie da reingegeben haben und das würde ich gerne mit einer Medaille fürs heiser brüllen oder sowas belohnen.

MB: Und an wen würde es denn einen Preis für eine nichtmessbare Qualität vergeben und warum?

Helen Ahner: Es ist keine Person, aber es ist mein Hund, weil Hunde sind oder Haustiere an sich, entziehen sich auf so eine angenehme Art der Leistungslogik und diesem Hund, die heißt Mimi, der würde ich den Preis geben für bedingungslose Freude, wann immer ich heimkomme und in welchem Zustand auch immer ich heimkomme.

MB: „Erster Preis an Mimi für bedingungslose Freude, wann immer ich und in welchem Zustand auch immer ich heimkomme.“ Wenn die Schule einen jährlichen Preis vergeben würde, welche Kategorien sollten ausgeschrieben werden?
Helen Ahner: Ich bin ja großer Fan vom Losen und ich finde, man könnte auch einfach eine Person auslosen und dann überlegen, wofür diese Person einen Preis verdient hat. Denn ich glaube, eigentlich gibt es für jede Person etwas, was die besonders auszeichnet und das Los wäre mehr, auf wen richten wir jetzt die Aufmerksamkeit und wen loben wir jetzt. Welche auch immer Kategorie wir uns ausdenken, ist eigentlich schon wieder so eine Leistungslogik und eine Vergleichslogik und manchmal ist da Losen einfach das Bessere, weil dann merken auch alle anderen, das war halt Glück oder Pech, was es eigentlich letztlich immer ist. Glück oder Pech, ob ich halt in die Kategorien passe, die wir als Preiskategorien uns ausdenken und wenn man das auslost, macht man es ein bisschen offensichtlicher.

MB: Ich finde diesen Vorschlag sehr anregend und ich freue mich, wenn er zu den jährlichen Ehrungen und Preisen, die die Schule vergibt, mit aufgenommen wird.
Ich habe auch Werner Scharf, den Gründungsdirektor des Ballsportgymnasiums, zu den Preisen befragt. Wenn jetzt die Schule einen jährlichen Preis vergeben würde, welche Kategorien sollten ausgeschrieben werden?

Werner Scharf: Die Kategorie, die es schon gibt, das sind die Schüler, Leistungssportler des Jahres mit Auszeichnung, das sind rein auf schulische Faktoren hin. Da ist es sehr schön, dass man dort sieht, zum Beispiel einen Bernhard Reimann, der Schüler des Jahres war und der bekannte Footballer in Amerika ist, der immer wieder in den Medien ist.
Dann sollte man sicherlich was Soziales machen, denke ich mir, ganz wichtig. Da sind nämlich gerade diese Vereinssportler an sich sehr zusammenhaltend, sehr unterstützend, dass man einfach eine Schülerin oder mehrere Schüler auszeichnet, wie sie im Laufe des Jahres im Hause anderen geholfen haben, unterstützt haben.

MB: Die Schüler und Schülerinnen sichtbar zu machen, die unabhängig von sportlichen oder schulischen Erfolgen soziales Engagement gezeigt haben, die anderen geholfen haben. Haben sie noch an wen gedacht?

Werner Scharf: Ich denke auch, dass eine Kategorie geschaffen gehört für Lehrer und Lehrerinnen, weil man hat ja das Thema gerade als Führungskraft, dass man sehr viel nicht sieht, sehr viele Leistungen von Kollegen und Kolleginnen, was gar nicht bis zur direktoralen Ebene hinkommt. Ich habe immer wieder festgestellt, dass es Kollegen und Kolleginnen gibt, die sich nicht gesehen fühlen und hier was zu schaffen, weil gerade jeder Mensch braucht Lob.
Und eines der wesentlichen Dinge eines Direktors ist, sein Team, seine Kollegen und Kolleginnen regelmäßig zu sehen, zu respektieren, zuzuhören und zu loben. Da geht es um Anerkennung.

MB: Ich habe auch Petra Sturm die Preisfrage gestellt und sie sagt Folgendes dazu.

Petra Sturm: Frage stellen. Ein Preis für starre Sportregeln in Frage stellen und das ist jetzt nichts Positives, aber ich finde das total essenziell. Ausprobieren ohne Leistungsdruck. Ausloten ist ja auch, wann darf man was ausloten? Einen Preis für Nichtbewertung, für nicht bewerten und kennenlernen und freies Spiel. Für Sport abseits von Leistungsbeurteilung. Und alle, die das auch versuchen, diese Leistungskategorien in Frage zu stellen vielleicht.

MB: Als Abschluss für diese Folge möchte ich gerne Georg Spitaler zu Wort kommen lassen, der generell und grundsätzlich die ersten Preise hinterfragt. Er sagt auf die Frage, wenn du Preise vergeben könntest, was wäre wichtig für dich anzuerkennen, folgendes.

Georg Spitaler: Also die Schule ist ein Ort des permanenten Leistungsvergleichs. Wenn Preise in dieser Form vergeben werden, dann muss man immer bedenken, dass es die anderen gibt, die die Preise nicht kriegen. Sport beinhaltet ja zum Beispiel zwei Aspekte, die des Individuellen und die des Teams. Es gibt so eine Metapher, die eigentlich in der Politik diskutiert wurde, in den 60er Jahren schon, die aber glaube ich in dem Fall auch eine Rolle spielen könnte. Und zwar, das wurde im Hinblick darauf diskutiert, welches Gesellschaftsmodell wollen wir eigentlich. Geht es darum, dass wir sicherstellen wollen, dass alle zugleich am Start sind und dann ist aber jeder und jede für sich selbstverantwortlich, wer als Erster ins Ziel kommt. Oder geht es darum, dass wir schauen, dass das Ziel eigentlich das ist, was wir uns anschauen. Wie schaffen wir es, dass die Leute gemeinsam ins Ziel kommen und dass praktisch niemand zurückgelassen wird. Und ich glaube, die Preise sollten darauf achten. Also wie kann ich genau das sicherstellen, in einer Gruppe von Kindern, von Jugendlichen, da eine inklusive Balance zu schaffen, die durch Preise nicht aufgebrochen wird oder wo Leute zurückgelassen werden. Und wie das jetzt genau ausschaut, da haben Pädagoginnen sicher gute Ideen, die da näher dran sind. Aber das wäre, glaube ich, mein Punkt dabei.

MB: Ich finde, das ist ein super Abschluss für diese Podcast-Folge. Hier zu hören waren Vorschläge und Gedanken dazu mit Niki Stariz, Helen Arner, Werner Scharf, Petra Sturm und Georg Spitala. Genau in dieser Reihenfolge.