Wir zeigen Kunst an Universitätsgebäuden in Graz
8.000 Schritte Kunst
Ein Spaziergang von Christian Seiler
Ein neugieriger erster Blick auf die Fassade der Medizinischen Universität Graz (1) und ich sehe, wie Licht, Farben und Dimensionen miteinander spielen. Der voluminöse Neubau, in dem ein Großteil der Medizinstudierenden unter einem Dach zusammenfindet, hat durch die Kunst der Architektur – vorspringende, ungewöhnlich rhythmisierte Fensterleisten, Fassadenplatten in acht verschiedenen Grautönen – etwas Leichtes, Flirrendes bekommen. Diese Leichtigkeit umfängt mich auch, als ich das Gebäude betrete.
Nur die Stimmung ändert sich. Das großzügige Foyer wird auf den ersten beiden Ebenen von dem monumentalen, gelben Canvas Rubbing Project umrahmt, das der amerikanische Künstler Matt Mullican für diesen Ort maßgeschneidert hat: Seine Motive – Formen des menschlichen Körpers, die sich mit einer Art Piktogrammen abwechseln – sind mit Schablonen und Ölkreiden auf die gelb grundierten Leinwände gerieben. Farben und Technik vermitteln eine unmittelbare, sinnliche Stimmung.
Die Arbeit An einem Körper von Misha Stroj – ein Kasten, der in 21 Fächer unterteilt ist – findet sich im 2. Obergeschoß und zielt auf ein ähnliches Thema: Stroj ordnet Gegenstände, Skizzen und Objekte so an, dass sie in Summe ein „Labor der anderen Art“ ergeben, eine Aufforderung, sich in neue Bedeutungswelten weiter zu fantasieren.
Als ich auf der Campusebene wieder ins Freie trete, muss ich mich erst umsehen, um die ein ganzes Leben umspannende Installation Shelter (high touch) von Manfred Erjautz zu finden: Die acht lebensgroßen Figuren – modifizierte Schaufensterpuppen aus Aluguss – hängen kopfüber an der Unterseite des die Ebene überspannenden Baukörpers. Ich betrachte sie mit weit in den Nacken gelegtem Kopf – und spüre unmittelbar ihre Wirkung: das ungeborene Kind, der gebeugte Greis, das Skelett. Alles, was ein Leben mit uns vorhaben kann, ist dort oben zu sehen.
Nur ein paar Schritte über die Campusbrücke, und eine ganz andere Welt tut sich auf: Hier hat Esther Stockers vier Meter großes Knitterobjekt aus Vinylplane seinen Platz gefunden. Es gleicht, wenn man so will, einem überdimensionalen, gepunkteten Stück Papier, das ein Gigant zusammengeknüllt und hinterlassen hat. Eine große Idee, die verworfen wurde? Eine bessere Idee, die dafür das Licht der Welt erblickt hat?

MED CAMPUS Graz
Neue Stiftingtalstraße 6, 8010 Graz
Matt Mullican Canvas Rubbing Project, 2017
Misha Stroj An einem Körper, 2017
Esther Stocker Knitterobjekt, 2017
Manfred Erjautz Shelter (high touch), 2017
(im Uhrzeigersinn)
Mit diesen Denkmöglichkeiten ausgestattet verlasse ich den Campus und marschiere über Hinterbühnen von Graz Gries – vorbei am Schanzlwirt, der hier seit 1416 wirtschaftet, an Wohnhäusern, Biogärten, einem Sanatorium, alten Villen, verwegenen Neubauten – nach Graz Geidorf, wo die RESOWI-Fakultät (2) der Universität Graz in einem majestätischen Bau von Günther Domenig situiert ist – man könnte fast sagen: herrscht. Ich betrete das Haus durch den Haupteingang und suche die vier Installationen auf, die der griechische Arte Povera-Künstler Jannis Kounellis für die Domenig’schen Betonwände geschaffen hat: emotionale Konstrukte aus Kohle, Stein, Eisen, Jute und Holzbalken, vertraute, düstere Objekte, die in ihrer Geradlinigkeit Evolution, Dialektik und die Kulturgeschichte der Menschheit symbolisieren.

RESOWI-Fakultät der Universität Graz
Universitätsstraße 15, 8010 Graz
Jannis Kounellis ohne Titel, 1996
Ich lasse mir Zeit beim Betrachten. Irgendwie bewegt gehe ich erst dann hinüber zum Gebäude der neuen Universitätsbibliothek (3).
Unter dem weit auskragenden Glaskubus des Bibliotheksneubaus stehen Gruppen von Studierenden. Direkt über ihnen eine grafische Szene (Tanz? Diskussion? Ritual?) von Anna Artaker. Sie heißt PERSPECTIVA PRACTICA, weil sie einem Lehrbuch zur praktischen Anwendung der Zentralperspektive entnommen ist. Den historischen Kupferstich hat Artaker wirkungsvoll aufs 220-fache vergrößert.

Universitätsbibliothek Graz
Universitätsplatz 3A, 8010 Graz
Anna Artaker PERSPECTIVA PRACTIVA, 2020
Nur ein paar Schritte weiter, und ich stehe vor der Baustelle des Graz Center of Physics (4), in dem die Physik-Institute von Uni Graz und TU Graz zusammenkommen werden. Es soll 2030 fertiggestellt werden. Kräne, Bauzäune und gleich einige Plattformen, von denen aus man den Fortgang der Arbeiten beobachten kann. Ein Bauzaun-Spruch auf lindgrünem Hintergrund fordert zum Optimismus auf: „Denk wie ein Proton…positiv.“ Ein anderer auf Rostrot vermittelt die Essenz des Gegenstands, der hier seine Heimat finden wird: „Physik ist wie Magie…nur echt.“
Hier wird das Kunstwerk Seeing the invisible to be heard des legendären Konzept- und Medienkünstlers Hofstetter Kurt seine Heimat finden, dessen „Augen“ von der Glasfassade des Gebäudes auf den Campus blicken werden, Lidschlag für Lidschlag, lebendig und neugierig.
Für die Außenwand des Hörsaals im Foyer hat der peruanische Bildhauer Nicolás Lamas eine Skulptur entworfen, die mit einem Muster aus Eisenbewehrungsstäben Codes verschiedener Zeitalter in Beziehung setzt und sichtbar macht. Sie trägt den Namen Knotledge, ein Wortspiel mit den englischen Wörtern für „Wissen“ und „Knoten“.

Graz Center of Physics
Harrachgasse 21, 8010 Graz
Hofstetter Kurt Seeing the invisible to be heard, geplante Fertigstellung 2030
Nicolás Lamas, Knotledge, geplante Fertigstellung 2030
Die Baustelle selbst nehme ich als pulsierenden Körper wahr, Lärm, Lichter, Bewegung, als ich weiter Richtung Kunstuniversität Graz (5) gehe, in die Harrachgasse eintauche, eine enge Schlucht in der Stadtlandschaft, die mich zur stark befahrenen Glacisstraße führt. Ich weiche auf die andere Straßenseite in den Stadtpark aus und erweise der zuckersüßen Mozart-Büste meine Reverenz, bevor ich in die Elisabethstraße einbiege und zum Kunstuni-Gebäude in der Brandhofgasse weitergehe.
Vier einfärbige, Ballett tanzende Hosen von Erwin Wurm sorgen auf dem Vorplatz für einen Akkord, während im Foyer drei Tapisserien von Fritz Riedl – in Trapez-, Halbkreis- und Dreiecksform – eine dem Gebäude immanente Melodie aufnehmen. Faszinierend die beiden Arbeiten von Fritz Panzer aus dem Jahr 1992: Das größere Bild namens Das Fenster verweist auf ein imaginäres Außen, während Innenraum zur Introspektion auffordert. Ich entscheide mich für ein Dazwischen, indem ich in den Innenhof des Gebäudes blicke und verschiedene Menschen in verschiedenen Räumen musizieren sehe, aber nicht höre: eine lebendige Installation, von der Wandinschrift „good to be an artist“ bestätigt und inspiriert.

Kunstuniversität Graz
Brandhofgasse 21, 8010 Graz
Erwin Wurm Akkord, 1992
Fritz Riedl Wandteppiche, 1992
Fritz Panzer Das Fenster und Innenraum, 1992
So gehe ich am Palais Meran vorbei, die Maiffredygasse entlang, passiere das „Haus des Rechts“ und den Campus Alte Technik, bis ich beim Campus Neue Technik (6) in der Stremayrgasse ankomme, von dessen Fassade mich die „Molekularfassade“ von Robert Schaberl grüßt: Es ist eine immense Installation, die aus Kreisen und ihren Verbindungen besteht und in die fast hundert Meter lange Glasfassade eingearbeitet ist. Sie wechselt je nach Lichteinstrahlung die Farbe, changiert zwischen mattgrün, blau und rostrot. Diese Molekularfassade repräsentiert die faszinierende Fähigkeit dieses Hauses, mit seinen Betrachtenden Kontakt aufzunehmen.

Campus Neue Technik der TU Graz
Stremayrgasse 9, 8010 Graz
Robert Schaberl Molekularfassade, 2010
Das weiß ich, weil ich vor dem Gebäude auf und ab gehe, Lichtstimmungen abwarte und die Fassade betrachte, als würde sie gleich mit mir zu sprechen beginnen. Passanten folgen meinem Blick, sehen, vielleicht zum ersten Mal, wie sich dieses Gebäude ihnen zuwendet, errötet, verblasst. Erst als mein Lieblingsblau zurückgekehrt ist, nicke ich dem Haus freundlich zu und gehe weiter.